6. Juli 2018 – Umfärbung der Trauben, leichte Laubarbeiten, letzter Pflanzenschutz

<Größere Abbildungen durch Anklicken der Fotos>

Seit ein paar Tagen ist die beginnende Umfärbung der mächtig angeschwollenen Trauben nicht mehr zu übersehen (z. Vergleich siehe das erste Bild auf dem Eintrag vom 12. Juni): alle Sorten sind zunächst grün, Weißwein geht mit der Reifung ins Gelbliche, Rotwein ins Blauviolette. Dabei sind bei den allermeisten Rotweinsorten nur die Schalen blau, das Fruchtinnere ist aber hell wie bei Weißwein. Darauf kommen wir später im Jahr noch einmal bei der Vermaischung und Vergärung zurück, denn dieser Unterschied erfordert eine andere Art der Verarbeitung.

Ob die Umfärbung heuer nicht etwa viel zu früh und der Wachstums- und Reifungszyklus insgesamt nach vorne verschoben ist, werden wir erst Anfang September sehen. Denn übermorgen fahren wir zurück nach Frankfurt und überlassen den Wein für etwa 8 Wochen sich selbst. Mitte der ersten Septemberwoche sind wir wieder hier und müssen möglicherweise sofort mit der Ernte der schon überreifen Trauben beginnen. Es kann aber auch sein, dass wir die Stöcke gesund und die Trauben süß antreffen und abhängig vom Wetter und was sonst so zu tun ist noch ein paar Tage oder auch Wochen hängen lassen können.

Was wir dem Weingarten bis dahin jetzt noch mitgegeben haben: einen Sommerhaarschnitt und die Befreiung von überschüssigen Trieben und nachwachsenden Blüten. Alles was über dem höchsten Querdraht hinaus schaut ist stark eingekürzt.

Seit Anfang Juni nachgewachsene Triebe sind nur dann erhalten worden, wenn sie die Trauben beschatten. Die brauchen erst im Endstadium der Reifung direkte Sonne, vorher ist die eher weniger zuträglich. Vor  allem aber haben wir Jagd auf frische Blüten gemacht, denn aus denen werden durchaus noch Trauben.

Die reifen aber in diesem Jahr nicht mehr, ziehen aber trotzdem Nährstoffe ab, die besser denen Trauben zukommen, aus denen unser diesjähriger Wein entsteht.

Der Berichtspflicht geschuldet sei noch angemerkt, dass sich das Krankheitsbild verschiedener Stöcke nicht wirklich verbessert hat. Die Rotverfärbung mit nachfolgendem Verwelken der ganzen Blätter ist jetzt sogar auf einigen weitere Stöcke zu sehen.

Wir haben keine Ahnung was es ist und was man tun könnte. Und wenn man nichts weiß und nichts hilft, kann man ja immer auf Kupfer und Schwefel zugreifen. Entsprechend gibt es morgen – der treue Leser wird es ahnen – für dieses Jahr noch die letzte Runde dieser allseits beliebten Stoffe auf die Blätter. Das kann jetzt nichts schaden, aber vielleicht doch nutzen. Und mit 8-10 Wochen Vorlauf auf die Ernte ist auch genug Zeit, dass sich das Zeug natürlich wieder abbaut. Die so genannte „Wartezeit“ für das Präparat beträgt ohnehin nur 21 Tage.

Im Grunde sind wir mit dem seit Beginn dieser Aufzeichnungen Gesagten beinahe für den Jahrgang 2018 mit der „Grünwirtschaft“, also der Arbeit an der Pflanze, fertig, dabei allerdings mit riesigen Sauseschritten von Episode zu Episode gesprungen. Allenfalls ist noch im Herbst das Laub zurück zu schneiden, so dass die Trauben direkte Sonne bekommen. Alle weiteren Arbeiten danach an den Pflanzen sind schon wieder eher Vorbereitungen, die dem Jahrgang 2019 zugute kommen. Da gerade der Rotwein nach der Ernte bis zur Abfüllung ein Jahr oder auch mehr braucht bis er in Flaschen kommt und noch später getrunken wird, hat man eigentlich immer unterschiedlichste Arbeit in Weingarten und Keller mit 2-3 Jahrgängen gleichzeitig. Was wir also in diesem Jahr etwa für den 2017-er in den Fässern im Keller getan, aber hier nicht berichtet haben, beschreibe ich ausführlich sobald diese Arbeiten bei unser aller 2018-er anfallen. Soviel sei aber verraten: der 2017-er war schon zweimal im Labor, um die enthaltene Menge an freier schwefliger Säure zu ermitteln, die ihn vor zu schneller Alterung und Oxidation schützt. Und da die einmal zu gering war, musste der Wein aus den Fässern ausziehen, wurde frisch geschwefelt und in die Fässer zurück gesetzt.

Im Herbst wird er dann in Flaschen abgefüllt, denn die Fässer, in denen er jetzt sitzt, werden für den 2018-er gebraucht. Und wir haben die insgesamt vier 2017-er Tranchen in verschiedenen Fässern natürlich ausgiebig und fachmänisch mit dem Nachbarn verglichen und verkostet.

Was als Nächstes kommt: Anfang September werden das Kellerhaus aufgeräumt und Gerätschaften und Behältnisse gesäubert und bereit gestellt.  Dann werden wir den Weingarten zum vorerst letzten Mal in diesem Jahr betreten, mit Schere und Eimer in der Hand, zur Traubenernte. Die Trauben tragen wir dann gemeinsam in das Kellerhaus und ich erkläre gleichzeitig wie es weitergeht.

Für den Moment noch beste Sommergrüße mit dem Portraitfoto einer zugeflogenen Hirschkäferin. Leider wurde der Gatte noch nicht gesichtet, aber ich freue mich hier auch so regelmäßig über die Begegnung mit vielen Viechern, die ich in Deutschland noch niemals gesehen habe.

Im Moment bin ich so ein großer Verehrer der Äskulapnatter, die gelegentlich bei uns sonnt und auch schon versucht hat, ihr Winterquartier in unserem Weinkeller aufzuschlagen. Leider sehe ich sie nicht sehr häufig und meine Fotos sind meist unscharf. Sie ist ziemlich flink.

 

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

21. Juni 2018 – Alles im Lot, aber man macht sich so seine Gedanken

Heute zum zweiten Mal in diesem Jahr Kupfer und Schwefel gespritzt, diesmal aber mit dem großen und schweren Gerät, das man auf dem Rücken trägt. Das ist lästig und schweißtreibend. Dabei noch einmal genau den Weinstöcken auf die Blätter geschaut:

Insgesamt ist die Anlage in Schuss, wäre aber vielleicht nicht ganz ohne diese Spritzung „durchgekommen“. Sie ist grün und wirkt gesund, es gibt aber hier und dort unüberschaubare  Schäden und Merkwürdigkeiten, die wir nicht zu deuten und behandeln wissen. Diese sind im Moment zwar deutlich auf einzelne und wenige Stöcke begrenzt. Geschädigte Triebe wachsen sogar in gesunde Nachbarpflanzen hinein und umgekehrt, ohne das es eine Ansteckung oder Wechselwirkung zu geben scheint.  Gerne würde ich mich darauf verlassen, dass es so bleibt, aber es besteht schon auch die Möglichkeit, dass es sich um Vorzeichen dessen handelt, was auch den gesunden Stöcken droht, wenn nicht jetzt dann später  oder sehr viel später. Das kriegen wir aber nicht geklärt und können es nur beobachten und nach Bachgefühl vorgehen.

Also erst einmal die Universalwaffe Schwefel&Kupfer versprühen,  um die Schwächung durch die beiden Mehltäue (Personospora und Oidium) zu verhindern. Dann welke Blätter und andere auffällige Pflanzenteile herausnehmen. Wenn einzelne Stöcke dauerhaft kränkeln und nicht wieder zu sich kommen, müssen die vorsichtshalber und notfalls ganz raus. Darüber sprechen wir dann aber im Herbst/Winter/Frühjahr.

Interessanterweise kommt mir heute früh öfters der Begriff „Epidemiologie“ in den Sinn. Definition lt. wikipedia: „Wissenschaft von der Entstehung, Verbreitung, Bekämpfung und den sozialen Folgen von Epidemien, zeittypischen Massenerkrankungen und Zivilisationsschäden“. Wobei ich um die Frage kreise, warum von einer Gesamtzahl von Rebstöcken nur ausgesucht einzelne eine Schädigung oder Veränderung aufweisen, obgleich sie von der gleichen Sorte sind wie die anderen, auf dem gleichen Boden und unter gleichen äußeren Bedingungen wachsen und vom gleichen Rebenvermehrer gezogen wurden. Man könnte fast auf die Idee kommen – wie bei Masern oder Mumps?, – dass jeder einzelne Rebstock eine individuelle und in einzelnen, für die Krankheitsanfälligkeit zuständigen Teilen unterschiedliche DNA hat wie auch Menschen unterschiedlich sind und eben auf Pest und Cholera ansprechen oder nicht. Bislang hätte ich so etwas immer nur in Bezug auf Tiere und Menschen vermutet, nicht aber bei Pflanzen.  Aber immerhin wäre das erst einmal nur bedauerlich für das Individuum, aber noch entspannt für den Winzer. Aber so einfach macht es uns die Epidemiologie wahrscheinlich nicht. Die muss wenigstens überprüfen, ob nicht doch „wenn nicht jetzt dann später oder sehr viel später“ (s.o.) etwas überspringt und sich ausbreitet. Beiläufige Grundlagenwissenschaft im Weinberg, wobei der Forscher nicht im weißen Kittel im Labor steht, sondern gerade Chemie auf Weinblätter sprüht.

Eher für uns dokumentiere ich noch kurz die drei auffälligsten Schadensbilder (die offensichtlich von Raupen verursachten Fraßschäden lasse ich mal beiseite, die Würmer verpuppen sich demnächst und dann freuen sich alle über die Schmetterlinge, vor allem ich…)

Starke Gelbverfärbung in allen Pflanzenteilen inkl. den Fruchtansätzen. Möglicherweise Eisenmangel („Chlorose“), interessant hierbei, dass Chlorose nicht zwingend von Eisenmangel im Boden verursacht wird, dass könnte man durch Düngung regulieren. Es scheint aber auch so etwas zu geben wie die Unfähigkeit einzelner Stöcke, das Eisen zu verarbeiten und zu assimilieren. Bei uns sind die Nachbarstöcke der Gelbsüchtigen ja auch grasgrün. Bingo, Herr Epidemiologe.

(Um der etwas skurrilen Möglichkeit dennoch gerecht zu werden, dass an willkürlich ausgewählten Stellen unseres Weingarten weniger Eisen im Boden ist als an allen anderen, rund um die gelben Stöcke ein flüssiges Eisenpräparat in den Boden gegossen. Evtl. aber eine klassische Übersprung- und Verlegenheitshandlung, das Mittel ist eigentlich zum Spritzen auf die Blätter, wo es direkt aufgenommen wird. Ob die Wurzeln mit der gleichen Eisenformulierung etwas anfangen können und den Stoff an die Blätter liefern weiß ich nicht. Ich weiß nur vom Herumrecherchieren, dass man Eisen für die Blätter nicht zusammen oder nach Kupfer ausbringen darf oder soll. Also machen wir den voodoo mit dem Gießen.)

Violette, dann braune Verfärbung der Blätter mit sich ausbreitendem Verwelken und Austrocknen der (ganzen ?) Pflanze einschließlich der noch grünen Trauben. Im Moment ein eigenständig erscheinendes Phänomen, ebenfalls klar auf einige wenige Stöcke begrenzt, evtl. aber auch eine Spielart des Falschen oder Echten Mehltaus (Peronospora/Oidium).

Falscher und/oder Echter Mehltau, „Ölflecken“ (sind das welche?) auf der Blattoberseite, weißer „Pilzrasen“ auf der Unterseite. Tritt in dieser Deutlichkeit in unserem Weingarten nach zehn Jahren zum ersten Mal auf. Ich fürchte nicht zum letzten Mal. Und könnte sich ausbreiten. Hieraus ergeben sich im Moment die ernstesten Konsequenzen: der Weinberg muss wenigstens 1-2 mal pro Jahr öfter als bisher gespritzt werden, im Ernstfall muss jemand eigens dafür aus Frankfurt herkommen.

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

12. Juni 2018 – Rebenerziehung geschwänzt, blauer Brief für die Lehrkräfte

<Größere Abbildungen durch Anklicken der Fotos>

Wir sind zurück vor Ort. Hier der angekündigte direkte fotografische Vergleich von Stock Nr. 7 – der mit der grünen Schleife  – im Zustand von heute und von vor acht Wochen (wer kam nur auf die Idee mit ausgerechnet einer GRÜNEN Schleife?) :

Nr. 7 ist nur noch eine schwer abzugrenzende Fläche in einem gewucherten Blatt- und Rankendickicht. Suppentellergroße Blätter über- und untereinander. Daumendickes Holz verdreht und verwachsen, teils ineinander verflochten.Von den im März beschriebenen Knospen oder Augen gehen meterlange Triebe nach oben, links, unten, rechts, wachsen von einer Reihe über den Zwischengang hinweg in die andere.

So sieht es eben aus, wenn ausgerechnet die Lehrkräfte die „Rebenerziehung“ schwänzen. Wir hätten den Trieben eigentlich beibringen sollen, vom „Auge“ aus jeweils senkrecht nach oben zu wachsen, ohne den Nachbartrieb zu berühren. Ohne diese Lektion, ohne sanften Zwang und Fixierung von Anfang an oder gar Herausnahme der Racker, die nicht mitmachen wollen, haben sie sich verhalten wie alle Schüler: sie spielen ausgelassen Nachlauf auf dem gesamten Rebhof. Am Ende der Stämme und Beginn der gebogenen Rebe haben sich dichte  Knäuel von Trieben gebildet. die ausgelichtet werden müssen (auch hier ein Fotovergleich mit dem Stand vor acht Wochen). Nur ein Trieb bleibt und wird voraussichtlich die „Bogrebe“ für das kommende Jahr:

Wir können jetzt nur doch dafür sorgen, allen überschüssigen Pflanzenzuwachs zu entfernen, alles was nach unten hängt irgendwie nach oben zu binden oder zwischen die Drähte zu klemmen und den Durchgang zwischen den Reihen freizuhalten, so dass man bei Bedarf mit der Spritze durchgehen kann.

In Kauf müssen wir nehmen, dass durch das verspätete Hochbinden und ausschneiden die Blätter vorübergehend in die falsche Richtung zeigen und die für die Jahreszeit bereits extrem weit entwickelten  Trauben der Sonne aussetzen. Die Blätter werden sich drehen und es werden welche nachwachsen, die verbogenen Triebe werden sich etwas entspannen und in der neuen Lage einrichten. Im ersten Moment bietet sich aber eher ein Anblick des Grauens. „Winzeranwärter! Gerade noch ausreichend, setzen!“.  Aber so etwa in dieser Art war es in jedem Jahr und durchgekommen sind wir irgendwie immer.

Etwas Nachdenken lässt mich  da schon eher das extrem fortgeschrittene Stadium der  jetzt schon 20 cm langen Fruchtansätze

und dass die Reben jetzt schon „ausgeizen“ und eine zweite Generation Blüten hervorbringen (in den Blattscheiden bilden sich neue Seitentriebe, die sich ihrerseits so verhalten wie die Triebe, die im April aus dem nackten Holz gewachsen sind, nur um etwa 6 Wochen zeitversetzt; die müssen weg!):

Mein Gefühl sagt, dass alles etwa vier Wochen zu früh ist.  Demnach wären die Trauben vielleicht schon Ende August/Anfang September reif. Wir werden aber erst danach wieder hier sein.

Aber nach einigen wetter- und auch launebedingt längeren oder kürzeren Einsätzen sieht die Sache dann doch ganz manierlich aus. Herr Reblehrer hat grobmotorisch hantiert, Frau Lehrerin geduldig das verbliebene Material angeordnet und fixiert. Es folgt in den kommenden zwei Wochen noch eine Runde Ausbrechen der letzten Geiztriebe und sonstiger überzähliger Triebe, Hacken/Auflockern des Bodens (Tagelöhner,  Gott sei Dank!) und die bereits bekannte Kupfer-/Schwefelspritzung. Zwar sehen die Pflanzen im Großen und Ganzen gerade wunderschön und gesund aus*), aber Temperaturen zwischen 20 und 30 Grad und sehr hohe Luftfeuchtigkeit sind nun einmal die alleridealsten Bedingungen für  die gefürchtete „Peronospera“ (Falscher Mehltau), die Blätter, Blüten, Früchte schädigt und im Extremfall einzelne Pflanzen eingehen lässt. „Peronospora“ – nebenbei bemerkt – für den Winzer ein gehaucht, gestöhnt, gequält und widerwillig hervorgebrachtes Wort wie „Kettensägemassaker“, „Hirntod“ oder „Nebel des Grauens“. Nicht umsonst immer in der lateinischen Form gebraucht. „Mehltau“ klingt einfach zu goldig, nicht gefährlich genug.

*) Kleine Einschränkung: einige wenige Stöcke sind in allen Teilen stark gelb verfärbt, statt grün. Man würde Eisenmangel vermuten („Chlorose“), aber das ist nicht eindeutig. Die betroffenen Stöcke sind offensichtlich stark durch den Winterfrost geschädigt und wirken sehr schwach und gebrechlich.

Nachfolgend noch ein paar Fotos, dann ist das Erste für den Moment erzählt.

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

13. Mai 2018 – Unscharfe Fotos, klare Linie: es geht weiter nach oben

Man will fast den Eindruck haben, dass der Wein heuer ein so genanntes „Mastjahr“ einlegt. Der Begriff ist gerade in aller Munde wegen des extremen Pollenflugs in Deutschland. Bestimmte Baumarten bilden in manchen Jahren und unregelmäßigen Abständen überdurchschnittlich viel Samen aus und kompensieren so niedrige Samenmengen der Vorjahre, während sie zuvor in den Holzzuwachs investiert haben.

Für den Wein passt der Begriff nicht wirklich, aber das Wachstum der letzten Wochen muss ebenfalls als extrem und außergewöhnlich bezeichnet werden. Auch spätere Sorten scheinen schon – 4 Wochen verfrüht – ans Blühen zu denken.

Die neuen Fotos des Nachbarn sind etwas verwaschen, aber eindeutig. Auch sein erst 2-jähriger Kaiserbaum schießt ins Kraut (unten).

 

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

8. Mai 2018 – Anhaltend unheimliches Wachstum

<Größere Abbildungen durch Anklicken der Fotos>

Neue, heute mit E-Mail eingetroffene Fotos zeigen 70-80 cm lange Triebe, dicke Blütenansätze und voll entfaltete Blätter. Das war nach den letzten Berichten zu erwarten, ändert aber nichts daran, dass man solches zu diesem Zeitpunkt des Jahres noch nicht gesehen hat.

Für das Jahr 2012 kann ich sogar einen direkten Vergleich anstellen: Sehr gut erinnere ich mich an den Morgen des 6. Mai. Raureif auf dem Gras vor dem Haus, die Fenster beschlagen, es ist ist empfindlich kühl. „Hast Du schon nach dem Deinem Wein geguckt?“ fragt meine Mutter am Telefon von Deutschland herüber, nachdem ich ihr die übliche Frage „Wie ist denn so das Wetter?“ beantwortet habe.

2012 waren wir noch etwas grün hinter den Ohren, was haben Nachtfrost und die Eisheiligen mit unserem Wein zu tun? Der war Ende April gerade ausgetrieben und hatte erste, knapp fingerlange schüchterne Triebe. Ich tappe in eilig übergestülpten Gummilatschen hoch zum Weingarten und ahne was passiert ist: zum größten Teil werden die jungen Triebe absterben. Nicht dass wir 2012 aus nachgewachsenen Trieben nicht noch einen besonders guten und konzentrierten Rotwein bekommen hätten, aber ich habe nie vergessen, wie groß oder eben klein die Triebe an jenem 6. Mai 2012 waren. Und staune, wie weit sie in diesem Jahr zur etwa gleichen Zeit entwickelt sind. Und das von Null auf Hundert in etwa 4 Wochen (vgl. die Fotos im Eintrag vom 7. April!).

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

25. April 2018 – Frühere Wachstumsprognosen Schall und Rauch!

<Größere Abbildungen durch Anklicken der Fotos>

„Unser lieber Nachbar auch“ schickt Fotos, die verblüffen und meine Wachstumsprognosen erschüttern, sowohl was den Wein als auch was das Gras betrifft. Eigentlich hätte man nämlich die letzten Wochen den Wein auch noch 1.000 km entfernt in Frankfurt wachsen hören müssen.

Die Triebe dürften in den vergangenen nur 18 Tagen auf über 20 cm gewachsen sein, die unteren Blätter sind noch zartgrün, aber schon entfaltet. An der Spitze dicke, fette Blütenansätze („Gescheine“). Der Umfang der Stängel ist enorm. Es ist kaum vorstellbar, dass sie aus den im letzten Beitrag abgebildeten Augen innerhalb weniger Tage förmlich herausgesprungen sein müssen.

Was war die Prognose? „….dass bis Ende Juni die eigentliche Blüte abgeschlossen ist und man den Trieben, von denen heute noch nicht eine Spur zu sehen ist, ab Mai beim Wachsen zusehen kann. Sie werden schnell 80, 120, 140 cm lang sein.“ So weit so gut, Herr Lehmann. Wir korrigieren aber auf „….ab Mitte April beim Wachsen zusehen“ und auf „….werden schnell „80, 160, 240 cm lang sein“.

Im Ernst, unsere Rebensorte erinnert manchmal stark an die Pflanze aus „Der kleine Horrorladen“, nur dass sie nicht beißt. Die Kombination aus Dutzende Meter tiefem reinen Lehmboden, der so genannten „Unterlage SO4“ (Neugierige bitte bei google nachschlagen!) und der Rebsorte „Monarch“ scheint so eine Art Weinstockmonster hervorzubringen, die schneller wachsen als die Rebschere „schnipp“ oder „schnapp“ machen kann.

Im Juni werden wir jedenfalls stark zurück schneiden müssen, einzelne Triebe auch mehr als einen Meter. Sonst kommen wir später nicht  mehr durch den Dschungel.

Das zweite Foto vom 25.4. von unserem Gelände verblüfft mich ebenfalls: das Gras steht knapp einen halben Meter hoch, ein etwas unkonventionell aussehender „Rasentraktor“ mit mir unbekanntem Pilot rauscht durch die Wiese.

Die Geschwindigkeit, mit der das Gras in die Höhe schießt, macht mir Sorge. Der Mähservice hingegen beglückt mich. Wir hatten schon einmal im Frühsommer – nachdem seit dem Winter niemand Hand angelegt hatte – 1,80 Meter hohe Brennnesseln und auch Beifüße vorgefunden, die unten 3 cm dick und verholzt waren und nicht mehr mit dem Rasenmäher, geschweige denn einer Sense, zu fällen waren. Schrieb nicht schon Max Frisch etwas von „mörderischer Überfruchtung“? Ein paar Jahre Erfahrung mit eigenem Hausgarten und schon liest man die Klassiker der Weltliteratur mit anderen Augen und versteht Leute, die mit Unkraut-Ex hantieren, etwas besser. So eine Zwischenrodung ist jedenfalls hilfreich und beruhigend. Danke, Herr Nachbar und Herr Pilot! Bitte alles aufschreiben und verrechnen.

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

7. April 2018 – Dem Stock Nr. 7 zum Abschied tief in die Augen geschaut

<Größere Abbildungen durch Anklicken der Fotos>

Stock Nr. 7 in der äußeren rechten Reihe hat ab sofort ein grünes Schleifchen und steht unter besonderer und dauerhafter Beobachtung.

Leider haben unsere – gleichwohl selbst gewählten – Lebensumstände zur Folge, dass wir den Weingarten erst im Juni wiedersehen, morgen geht es zurück nach Frankfurt. Hier an den Weinstöcken werden sich in den kommenden Wochen wundersame Dinge ereignen, die aber unsere Anwesenheit nicht zwingend erforderlich machen.

Ich dokumentiere jetzt abschließend auf Fotos den heutigen Entwicklungsstand von Stock Nr. 7, beispielhaft für alle übrigen. Nach Rückkehr im Juni  fotografiere ich die gleichen Stellen, so dass man wird sehen können, was in der Zwischenzeit passiert ist. Nr. 7 wird dann nicht wieder zu erkennen sein.

Heute präsentiert er sich noch als nacktes, laubloses Holzstäbchen, das aus einem etwa 60 cm hohen strubbeligen, verholzten Stamm herauswächst und leblos wirkt. Aber aus vielen Schnitten am Stock, die wir mit der Rebschere hinterlassen haben, tropft glasklarer Saft. Der Stock ist aktiv, die Wurzeln drängeln.

Auf der gebogenen Rute von Nr. 7 gibt es Verdickungen im unregelmäßigen Abstand von 7-12 Zentimetern („Internodien“). Wer genau hinsieht erkennt, dass diese „Augen“ schon anschwellen. Sie sind noch ein gutes Stück vor dem Aufplatzen und der Entwicklung neuer Triebe, Blüten und Blätter, aber doch deutlich über die Winterruhe hinaus. Als Nr. 7 im vergangen Jahr noch ungebogen und senkrecht zwischen den Drähten stand,  waren dort wo jetzt die Augen sind, Blattansätze oder Trauben. Für dem jeweiligen Entwicklungsstand eines Rebstockes im Verlauf des Jahres gibt in der Welt der Winzer jede Menge Bezeichnungen, sogar einen Zahlen-Code (s. https://de.m.wikipedia.org/wiki/BBCH-Skala_für_Weinreben), wir sind jetzt etwa bei „01“. Feine Differenzierungen sind für den Erwerbswinzer so wichtig wie die 1.000 Arten von Schnee für den Inuit, er muss spezifisch und schnell auf jede Störung beim Pflanzenwachstum reagieren. Weil wir keine Eskimos sind, belassen wir es für uns bei grobschlächtigen  Vereinfachungen wie eben Auge, Knospe, Blüte, Blätter, Trauben.

Wie wird Nr. 7 im Juni aussehen und was passiert bis dahin? Aus jedem Auge wird eine Knospe geworden sein, die aufplatzt, kleine zartgrün pelzige Triebe brechen hervor, an der Spitze zunächst noch eingerollte Blätter, aber mittendrin auch schon das „Geschein“, die Vorform der Blüte. Genau in diesem Moment bitte keinen Nachtfrost, sonst stirbt der Trieb ab. Der Stock rettet sich zwar, indem er „schlafende Augen“ aktiviert und noch einmal austreibt. Den daraus entstehenden Trauben fehlen aber im Herbst des Jahres wichtige Tage oder gar Wochen zum Ausreifen. „Time is sugar“, keine Frage.

Wenn die Gescheine diese kritische Phase überstanden haben, werden sie sich grazil entfalten, über dem Weingarten liegt ein dezenter Blütenduft. Die Triebe haben sich lang gestreckt und tragen Blätter. Man freut sich, hantiert aber besser nicht allzu viel an den Pflanzen herum, denn es droht ohnehin schon die „Verrieselung“ durch Wind, Starkregen und Hagel. Erst wenn die winzigen Fruchtansätze nach Wochen zu schrotkorngroßen grasgrünen Beeren geworden sind, die von gesunden Blättern ernährt werden, ist das Gröbste für dieses Jahr geschafft, von alleine fällt nichts mehr herunter. Dann müssen die Trauben nur noch mit viel Sonne ausreifen und nicht vom Fuchs gefressen werden.

Ich gehe davon aus, dass bis Ende Juni die eigentliche Blüte abgeschlossen ist und man den Trieben, von denen heute noch nicht eine Spur zu sehen ist, ab Mai beim Wachsen zusehen kann. Sie werden schnell 80, 120, 140 cm lang sein und hätten schon längst am Draht festgebunden werden müssen, damit sie möglichst gerade nach oben wachsen. Da können wir aber nur auf den lieben Nachbarn hoffen, der täglich unser Grundstück auf dem Weg zu seinem Garten quert und den die nicht zu übersehende Haltlosigkeit unserer nach unten hängenden Triebe dauert. Er gibt ihnen mitunter um die Blüte herum auch etwas von seiner Spritzbrühe ab. Unsere Rebsorte ist zwar der Papierform nach pilztolerant, aber unverwundbar ist sie in keinem Fall.

Die Triebe werden übrigens im unregelmäßigen Abstand von 7-12 Zentimetern Verdickungen haben. An der ersten und zweiten Verdickung werden Blätter stehen, an der dritten und vierten die Fruchtansätze, an der fünften und allen folgenden wieder Blätter. Im kommenden Winter fallen die Blätter ab und das nackte Holz bleibt stehen. Zurecht gestutzt kann daraus wieder so eine gebogene Rute werden wie sie hier am Anfang beschrieben ist. Alles beginnt von vorne.

In diesem Juni werden wir aber erst einmal überschüssige Triebe „ausbrechen“. Heute hat der Stock nämlich noch alle möglichen Augen und Knospen, die wir auf keinen Fall alle brauchen und wollen. So eine Art Sicherheitsreserve, siehe Frost, Hagel und Verrieselung.

Mit diesen Vorhersagen und Hoffnungen lassen wir also Nr. 7 und seine 110 Brüderchen und Schwesterchen auf sich alleine „und uns‘ren lieben Nachbarn auch“ gestellt zurück und verabschieden uns.

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

4. April 2018 – Ritter der Schwefelrunde

<Größere Abbildungen durch Anklicken der Fotos>

Jetzt duftet der Hobbywinzer wie ein pubertierendes Mädchen, das sich voller Panik mit schwefelhaltiger Pickel-Creme eingerieben hat. Sagen wir Dermasulf oder Sulfoderm oder was es da alles gibt. Im Weinbau braucht der Nicht-Demeter-Aktivist keine Akne zu fürchten, er ist praktisch ständig in Kontakt mit irgendeiner Art Schwefelverbindung: sei es beim Pflanzenschutz, bei der Reinigung von Geräten oder dem Schutz des fertigen Weines vor frühzeitiger Alterung durch Oxidation in der Flasche.

Heute also Akne-Vorsorge der Kategorie Pflanzenschutz:  zusammen mit reinem Schwefel in einer öligen Emulsion eingebundenes Kupfer(II)-hydroxid wird mit viel Wasser verdünnt und mit einer Spritze fein auf die Augen, die späteren Knospen, und das nackte Rebholz gesprüht. Über die Sinnhaftigkeit dieser Maßnahme hatte ich mich ja schon im vorigen Artikel geäußert, lassen wir es heute bei den Fakten: es genügen für unseren Weingarten im jetzigen Nacktzustand etwa 8 Liter Spritzflüssigkeit und das „kleine Besteck“, also so etwas wie die allseits bekannte Gartenspritze „Gloria 5 Comfort“. Die große schwere Spritze, die man sich auf den Rücken schnallt, wird Gott sei Dank erst später gebraucht, wenn das Mehrfache an Sprühflüssigkeit am dann üppig wuchernden Blattwerk hängen bleiben soll.

Gleichwohl ist diese ganze Spritzerei das was am wenigstens Spaß macht bei der ganzen Sache. Übervorsichtig wird mit Mund-, Nasen-, Augenschutz gearbeitet. Ein altes gelbes Regencape dient seit Jahren als Überhang. Die Gummihandschuhe haben trotzdem wundersamerweise immer wieder Löcher, so ganz kontaktlos geht es also nie. Das Reinigen der Gerätschaft nach Gebrauch ist lästig, zu schweigen von der Frage wohin mit dem Waschwasser. Hier jetzt also bitte 5 Sekunden schweigen: 21, 22, 23, 24, 25. Und schon ist das Wasser weg.

Und wie gesagt: wenn die Pelerine nicht dicht hält, riechen Winzer und Kleidung eine ganze Weile wie nach einer Akne-Kur. Und Fleeceshirts zum Beispiel geben das auch nach mehreren Waschgängen nicht wieder ab. Aber man gewöhnt sich und fühlt sich irgendwann auch wie ein Mitglied des Ordens der Ritter der Schwefelrunde.

Nebenher berichtet hat ein uns bekannter Dorfbewohner erfreulicherweise angeboten, den Weingarten zu hacken, sonst wäre der Boden so geblieben wie er ist. Leider musste er feststellen, dass da nichts mehr zu hacken ist, jetzt gräbt er um. Er wird 2-3 Tage brauchen.

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

2. April 2018 – Fuchsbremse sticht Saftstau

<Größere Abbildungen durch Anklicken der Fotos>

Die letzten Reihen sind gebogen und gebunden, fehlende Drähte eingezogen. Wenn das Wetter so sonnig und trocken wie heute bleibt, wird bald noch eine Runde Schwefel und Kupfer auf Triebe und Knospen gesprüht, dann ist hier erst einmal Schicht bis Juni.

Gleich mal aufgemerkt: Schwefel und Kupfer sind voll „bio“! Schwefel vergrellt die Blattgallmilben, die in den Knospen überwintern und reduziert damit später ein wenig die von diesen unsichtbaren Tierchen verursachten Blattschäden („Pocken“). „Ein wenig“ deutet an, dass das Prinzip Hoffnung Teil des Pflanzenschutzes ist. Und Kupfer um diese Zeit einzusetzen, droht auch nur ein wenig und wenig wirksam dem Echten und Falschen Mehltau über eine unbestimmte kalendarische Distanz hinweg, muss diesem aber später nicht einmal tatsächlich wehtun. Solange nämlich überhaupt noch keine Mehltau-Sporen unterwegs und Blätter an den Pflanzen sind, an denen sie sich festsetzen können, ist die Kupferspritzung mehr eine psychologische Maßnahme für den Winzer.

Zum Biegen und Binden sei noch erwähnt, dass wir die so genannten „Bogreben“ nicht mehr wirklich rund und über den „Biegedraht“ nach unten biegen und binden, sondern auf einem höheren Draht flach verlaufen lassen. Das ist eigentlich nicht ganz fachmännisch und Pfusch. Denn wir verzichten auf einen gewissen Effekt mit dem legendären Namen „Saftstau“. Aus der Wurzel gelangen die Nährstoffe durch feine Kapillaren in die Knospen und später in die Blätter und Trauben. Leider hat dabei die am Ende der Bogrebe sitzende und am weitesten vom Stamm entferne Knospe einen strategischen Vorteil, sie bekommt am meisten Nahrung ab. Der Saft aus den Wurzeln rauscht hingegen an den davor gelegenen Knospen im Sauseschritt vorbei und lässt sie weniger gut versorgt zurück als die Mutter aller Knospen am Ende der Nahrungskette. Wenn man nun die Rebe am Anfang biegt und die Flüssigkeitsleitungen etwas quetscht und verengt, läuft der Saft insgesamt langsamer und die zum Stock gelegenen Knospen können besser einen Schluck davon abhaben als ohne den „Saftstau“.

Soweit die Theorie, jetzt die Praxis: wenn wir vorschriftsmäßig nach unten biegen hängen später die reifen Trauben auf einer Höhe, auf der sich Fuchs und Dachs noch nicht einmal auf die Hinterbeine stellen müssen, um uns die Ernte wegzufressen. Daher haben wir entschieden darauf zu verzichten und etwas höher zu gehen. Jetzt müssen Grimbart und der Reineke sich schon etwas mehr anstrengen, wenn sie bei uns im Herbst klauen wollen. Und daran denkt man dann auch schon mal am 2. April.

Merke, lerne und staune: es werden nicht nur zwischen 11:42:42 und 11:42:52 Uhr des gleichen Tages – innerhalb von Sekunden – Effekte und Gewinne erzielt. Vieles braucht Zeit und Geduld. Weinbau ist gelebte Entschleunigung.

Wie viele gute Gründe es aber für unsere Saftstau-Abstinenz gibt zeigen zwei innerhalb von 48 Stunden nach Verfassen dieser Notizen in der Nacht entstandene Fotos. Der Fressfeind schickt seine Später: Fuchs erst einmal nur auf dem Vorbeimarsch, der Dachs hingegen betrachtet wie zur Verhöhnung unserer Maßnahmen schon einmal unseren Rebenaufbau auf der rechten Seite des Fotos und rechnet sich aus wo später die Trauben hängen werden.

Fuchs, 4. April 2018, 22:14 Uhr

Dachs, 5. April 2018, 0:18 Uhr

Fleißkärtchen als Leser sammeln?
Wer sich selbst einmal im Schneiden und Biegen versuchen will, lädt sich ein kleines Lern- und Demonstrationsprogramm herunter. Ich zitiere die Quelle: „Prof. Blaich bietet auch ein Rebschnitt-Lernprogramm als Java-Applet zum download an (gezippt). Da sieht man, was passieren kann, wenn man einen Fehler macht…. „.
Das Programm ist allerdings nicht so ganz selbsterklärend, die „Hilfe“ zeigt aber wenigstens wie man die Tools „wachsen“, „schneiden“ und „binden“ bedient und wie die Drähte gezogen werden. Die Grundprinzipien und die Vorstellungen was man erreichen will, werden allerdings vorausgesetzt. Trotzdem hoher Spiel- und Spaßfaktor.
Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

28. März 2018 – Schneiden, biegen, binden, wundern

<Größere Abbildungen durch Anklicken der Fotos>

Höchste Zeit für den Pflanzenschnitt. Das Holz vom letzten Jahr, an dem die Trauben des Jahrgangs 2017 hingen, muss stark zurückgeschnitten werden, um Platz zu schaffen für neue Triebe, an denen der 2018-er hängen wird.

Wie immer in etlichen Fällen kleinere Probleme mit dem Pflanzenaufbau. Nicht immer ist sofort klar, was weggeschnitten werden sollte oder besser stehen bleibt. Es rächen sich die Fehler und falschen Entscheidungen der Vorjahre. Ein Weinstock vergisst nicht.

Nach dem Schnitt müssen die losen Hölzer aus den Drähten gezogen werden. Die sind aber oft hirschgeweihartig verzweigt und dazu noch vom Vorjahr stellenweise an den Drähten festgebunden. Klein schneiden zwischen den Drähten ist lästig, losbinden ist lästig. Aus den Drähten reißen ist lästig, außerdem könnten die Ruten, die stehen bleiben, beschädigt werden. Schön ist wenn die Sonne scheint und mit innerer Ruhe gearbeitet wird. Von Stock zu Stock denken. Die ersten schwärmenden Insekten summen lassen.

Und heute sind sie zum ersten Mal da, Wildbienen und andere Winzlinge, die sich an den Vergissmeinnicht, Veilchen oder Gänseblümchen treffen.

Höchste Zeit also für den Pflanzenschnitt. Denn danach muss noch gebogen und gebunden werden. Und wenn dann schon die Knospen der Weinstöcke beginnen anzuschwellen oder gar aufzugehen, könnten sie dabei beschädigt werden. Also jetzt schnell noch biegen und binden. Wir sind mindestens 2 Wochen zu spät mit dieser Arbeit.

Vorher noch die Reihen von den Unmengen des abgeschnittenen Altholzes befreien. Große Bündel von verzweigten Altrieben unter beiden Armen, die soweit herab hängen, dass sie die Beine beim Gehen zwischen engen Reihen blockieren. Der Nachbarshund läuft mit und schaut zu wie der Haufen, der später verbrannt werden soll, wächst und wächst. So viel Altholz an nur 110 Weinstöcken! Und dabei ist das nur das, was vom Vorjahr nach mehreren Grünschnitten übrig geblieben ist.

Heute noch die Hälfte der insgesamt acht Reihen gebogen und gebunden, der Rest dann in den kommenden Tagen. Wie machen das Winzer mit 60 Hektar Rebfläche? Natürlich mit ausreichend Personal. Aber an der Handarbeit am Weinstock ändert das nichts, an den bislang angefallenen Arbeiten gibt es nichts zu mechanisieren.

Provozierend gesagt: bei einem deutschen Facharbeiterstundenlohn von nur 30 Euro und angenommen heute 8 eingebrachten Arbeitsstunden, hätten wir – ohne überhaupt für den Moment fertig zu sein – etwa 240 Euro Arbeitskosten verursacht. Wenn wir es in diesem Jahr nur auf 100 Flaschen Wein brächten, würde der also heute schon 2,40 Euro die Flasche kosten.

Und die Austriebsspritzung steht noch aus und natürlich die im weiteren Jahresverlauf – bei uns nur – 3 bis 4 weiteren Arbeitseinsätze im Weingarten, bevor überhaupt die eigentliche Weinherstellung und der Ausbau im Keller beginnen. Natürlich kann und darf man das alles so nicht rechnen, aber wie dann? Weinbau und –herstellung sind eben ein großes Mysterium, in jeder Hinsicht.

Darüber dass noch ein paar Drähte gerissen sind und ersetzt werden müssen, und die anderen neu gespannt, soll hier nur noch kurz geschwiegen werden. Und auch vom Unkraut hacken.

Ganz am Ende des Tages dann wird eine Flasche vom 2014-er aufgemacht. Der Edelknabe unter unseren Jahrgängen, ein Schön-, Vornehm- und ein wenig auch Wichtigtuer, will nichts mit der restlichen, jahrgangsweise auch recht struppigen Verwandtschaft zu tun haben. Unter welcher Sternenkonstellation der erzeugt wurde weiß der Himmel, wir nicht. Aber wir wissen wer die Reben, an denen er gewachsen ist, im Winter 2012/2013 geschnitten und gebogen hat. Und das ist dann das Ende aller Beschwerden und Rechnereien. Für heute.

Veröffentlicht unter Allgemein | 6 Kommentare