Wolfgang Barina
WINTERSONNE
Farbholzschnitt, 16 x 27 cm,
Februar 2021.
Fassung 1 von 4 Druckplatte
Fassung 2 von 7 Druckplatten
Was in und um Frankfurt gesungen, ausgestellt, gespielt, gemunkelt oder degustiert wird
4. Februar 2021BREAKING NEWS: Politische Partei setzt im Frankfurter Wahlkampf auf die Stimmen von Mitgliedern und Fans eines stadtbekannten Sportvereins. Absolute Mehrheit im Stadtparlament so gut wie sicher. Peter Fischer insistiert im Gegenzug auf einem aussichtsreichen Listenplatz, will die Interessen des Clubs lieber selbst vertreten. Mehr „win win win win“ geht nicht!
Und nichts wird dem Zufall überlassen: nicht ohne Absicht dürfte auf dem Kampagnenfoto im Hintergrund der Eingang zur Gaststätte „Tannenbaum“ im ehemals revolutionär brodelnden Stadtbezirk Bockenheim zu erkennen sein. Aus dieser Tür quollen einst leicht schoppenbenebelt nach dem Vorglühen sowohl der 68-er Umsturz ins nahe gelegene Westend als auch die Eintracht-Fans in Richtung Waldstadion: „Ole ole ole chi minh!“.
Carl Theodor Thiemann
(Karlsbad 10. November 1881 – Deutenhofen 3. Dezember 1966)
Abend vor Venedig
Werkverzeichnis Merx 172 F
Werkverzeichnis Thiemann-Stödtner FH 175
Farbholzschnitt in 4 Farben
Plattengröße ca. 29,5 x 50 cm
Entstehungsjahr: 1910
Wahrscheinlich Druck der Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst, Wien
(Typographische Angaben beschnitten)
Heute soll die etwas abgedroschene Redewendung „Zufälle gibt’s, die gibt’s gar nicht“ rehabilitiert werden. Denn – wer hätte das gedacht? – es gibt Zufälle, die es gar nicht gibt.“: Auf einem Foto kreuzen plötzlich die drei berühmten, im Farbholzschnitt „Abend vor Venedig“ von Carl Theodor Thiemann dargestellten Boote von links kommend in das das Schaufenster einer Buchbinderei in Freiburg im Breisgau.
Die schnittigen Segler vor der Kulisse von Venedig am Rande einer Fotografie aus dem Jahr 2014 wären Jahre später beim Durchklicken einer Fotoserie, die aus völlig anderem Anlass entstanden ist, leider einem traurigen, fast übersehen worden. Gedanken und Aufmerksamkeit waren auf andere Dinge gerichtet. Ein guter Bekannter, ein früherer Arbeitskollege, war um Etliches zu früh zur Trauerfeier für einen sehr guten Bekannten, einen früheren Arbeitskollegen, gekommen und spazierte und fotografierte sich die überschüssige Zeit tot, beim Warten auf Bekannte, meist frühere Arbeitskollegen, in den Straßen rund um den Friedhof.
Eine CD mit diesen Fotos, und natürlich auch welchen von der Trauerfeier, an der wir leider nicht teilnehmen konnten, war auf nicht mehr nachzuvollziehendem Weg in meine Hände geraten und ich war gerade dabei, nach bekannten oder auch nicht mehr zu erkennenden Gesichtern von früheren Arbeitskollegen zu suchen. Deswegen waren Ansichten von Schaufenstern und Häusern ziemlich uninteressant und verschwanden schnell vom Bildschirm.
Nur ein Foto blieb einen Wimpernschlag länger angezeigt und wurde nach einer gewissen Reaktionszeit erneut aufgerufen, um es jetzt sehr genau zu betrachten. Denn dort ist ein alter und sehr guter Bekannter einer ganz anderen Art zu sehen, etwas versteckt zwar neben einer Gruppe von aufdringlichen Japanern, aber doch sehr deutlich:
„Carl Theodor, was machst Du denn da ?“. Der breit und holzgerahmte Farbholzschnitt „Abend vor Venedig“ des bekannten Dachauer Künstlers Carl Theodor Thiemann aus dem Jahr 1910 verschwand auch dann nicht vom Foto wenn man ihn im Ausschnitt größer und größer stellte. Und schon hatte der Sammler in den Haken gebissen, wobei dieses Sprachbild etwas schräg ist, denn normalerweise würde jetzt der Angler die Schnur einholen. Der Kunstsammler macht es aber gelegentlich umgekehrt: er beißt in einen Köder und zieht dann den Angler resp. den Inhaber eines Objektes der Begierde zu sich ins Wasser, möglichst ins trübe, um den zu verhandelnden Kaufpreis vielleicht schon noch irgendwie fair zu gestalten, aber dann doch nicht unnötig in die Höhe zu treiben.
Jetzt muss man aber erst einmal herausbringen, was da eigentlich erstens vor drei Jahren wirklich im Schaufenster stand – ein moderner Nachdruck im Offset-Verfahren wäre natürlich vollkommen uninteressant – und ob zweitens der Buchbinder weiß was er da hatte und es eventuell noch hat, und dies vor allem für den Fall, dass es ein signierter Handdruck sein sollte.
Die Buchbinderei hat Gott sei Dank eine Internetseite mit Kontaktadresse, es folgt ein Schriftwechsel, der recht schnell und unkompliziert zum Ankauf des Blattes führte:
Etc. etc. Das muss soweit genügen, um diese Sammlerschote abschließen zu können. Das Weitere mag man sich denken und dass der Sammler aus taktisch-strategischen Gründen sich bei den Einkaufspreisen nicht gerne in die Karten schauen lässt, war ja bereits angedeutet worden. Es wurde – das sei aber versichert – ein faires Geschäft für beide Seiten.
Es gibt Zufälle, die gibt es gar nicht.
WB – 10.11.2020
Links (Auswahl)
Literatur (Auswahl)