Ausstellung „UNBEKANNT – Farbholzschnitte vom Anfang des 20. Jahrhunderts“

Samstag, 18. April 2020 (Eröffnung)
Ausstellung bis Juni 2020

UNBEKANNT
Farbholzschnitte vom Anfang des 20. Jahrhunderts

Hans Neumann jr.: Ridda (Farbholzschnitt 1903)

Hans Neumann jr.: Ridda (Farbholzschnitt 1903)

Unbekannt sind sie den meisten, denn wer kennt sie außerhalb von Sammlerkreisen: Helene Maß, Siegfried Berndt, Margarethe Gerhardt und all die anderen Namen von Künstlerinnen und Künstlern, die verbindet, dass sie sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts dem Farbholzschnitt verschrieben hatten.

Lange verstellte der Fokus auf den Holzschnitt der Expressionisten den Blick auf sie. Vom japanischen Farbholzschnitt inspiriert, gab diese Künstlergeneration dem Medium ein neues Gesicht: Sie betonten die Fläche, bevorzugten stark wirkende Farben, entdeckten neue Aspekte der Bildkomposition, ungewohnte Blickwinkel, konfrontierten Nähe und Ferne. Eine zeitlose Modernität resultiert hieraus und begründet die Faszination, die von diesen Blättern ausgeht.

Aus drei privaten Sammlungen im Rhein-Main-Gebiet stammen die Farbholzschnitte vom
Anfang des 20. Jahrhunderts, die der Kunstverein Rüsselsheim von April bis Juni 2020
zeigen wird.

http://www.kunstvereinruesselsheim.de
http://www.wolfgang-barina.de/kunst/sammlung/farbschnitte/

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Richard Köhler: Mischwald 2019

Freitag, 6. Dezember 2019, 19 Uhr (Eröffnung)
Gallus Theater, Kleyerstr. 15, 60326 Frankfurt

Richard Köhler
MISCHWALD 2019
Bilder

Ausstellung bis 11.1.2020
Öffnungszeiten:
Mo-Fr, 14-18 Uhr
und zu den Theaterveranstaltungen
http://www.gallustheater.de/2019/12/rkohle3.php

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KRAUTREPORTER: Schleichwege zur klassischen Musik (Folgen 1-10)

Auf der Plattform Krautreporter ist eine sehr lesenswerte, zehnteilige Artikelserie mit Hörbeispielen erschienen, die dazu auffordert und anregt, die Scheu vor „klassischer Musik“ abzulegen und sich unbefangen und vorurteilsfrei damit zu beschäftigen.

Der 10. und letzte Beitrag ist gerade erschienen unter https://krautreporter.de/3084-die-klassik-formel.

Danke und großes Lob für die Serie insgesamt, vor allem für den Versuch, Leute zu interessieren, die unbegreiflicherweise bei Literatur und vielleicht auch noch Bildender Kunst durchaus  quer durch die Epochen über einen sehr kompetenten und profunden Verständnis- und Interpretationshorizont verfügen, bei Musik aus der gleichen Zeit aber komplett passen.

Ich habe einmal einer Arbeitskollegin aus  einem nicht-musikalischen Zusammenhang, die selbst malt, den Besuch der „Nase“ von Schostakowitsch in der Frankfurter Oper empfohlen. Die kam fast geschockt und verständnislos heraus, sie fand das 1930 uraufgeführte Stück „zu modern“, wobei ich denke, dass  nur das Lesen der Gogol-Erzählung aus dem Jahr 1836(!) nicht diese Reaktion ausgelöst hätte. Für die Literatur hätte der Kompass gereicht, nicht aber für Musik. Leider habe ich dann meinen eigenen pädagogischen Versuch vermasselt, indem ich etwas undiplomatisch festgestellt habe, dass man ihre musikalische Bildung  vergleichen könne mit Menschen, die beim Lesen nicht über comic strips hinaus gekommen sind. Eigentlich wollte ich  sie damit einleitend zur gleichen Erkenntnis  führen, die auch den o.a. Krautreporter-Artikel leitet: man muss  Musik(hören) lernen wie man auch Lesen und Rechnen lernt. Schritt für Schritt, Wort für Wort, Satz für Satz. Mit 6-8 Wochenstunden Musik in der Schule kommt man selbstverständlich auf ähnliche Bildungsergebnisse wie in der Mathematik oder im Deutschunterrricht. Leider konnte ich die Kollegin mit meinem Vergleich nicht dazu bewegen, ein paar Stunden Musik in der Woche zu belegen, sie zog vielmehr eher etwas verschnupft und beleidigt von dannen. Da macht es diese Artikelserie schon deutlich besser als ich. Daher nochmals Danke.

PS: Ich unterstütze die „Krautreporter“ durch einen jährlichen Mitgliedsbeitrag.

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An den Ufern der Poesie 2019

10. August bis 1. September
Verschiedene Orte und Spielstätten auf beiden Seiten des Oberen Mittelrheintals

AN DEN UFERN DER POESIE
Theaterfestival für rheinsüchtige Melancholiker

… mit Heinrich Heine („Der Rabbi von Bachrach“), Karoline von Günderode, E.T.A. Hoffmann, Franz Schubert, Georg Büchner & Christa Wolf

https://www.mittelrheinfestival-poesie.com

Einzeltermine s.a. http://www. wolfgang-barina.de/aktuell

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Sammlerschoten(1): Gyula Conrad, Tengerpart (Meeresufer)

Gyula Conrad (Budapest 25.6.1877 – 26.6.1959)
Tengerpart (Meeresufer)

Farbholzschnitt in 5 Farben
Plattengröße 32 x 22 cm
Entstehungsjahr: 1910
Provenienz: Flohmarkt Budapest, September 1994

September 1994, Budapest, Ecseri-Flohmarkt:

Eine zurückhaltende, bürgerlich wirkende Dame, keinesfalls eine Trödlerin, bietet einen Farbholzschnitt an, der auf uns irgendwie „japanisch“ wirkt. Sie steht an einem der von Privatleuten für gelegentliche Verkäufe verfügbaren Tische und hat wenig mehr dabei als ein paar kleinere Grafiken. Wir überlegen kurz, ob man für so etwas umgerechnet stolze 30 DM ausgeben muss. Am Ende kaufen wir das Bild doch. Die Dame schreibt etwas in ein liniertes Schulheft, vielleicht verkauft sie für Nachbarn und Bekannte. Über den möglichen Namen des Künstlers sprechen wir nicht. Es war noch weit vor der Zeit, zu der ich begonnen habe, Verkäufer mit Fragen nach der „Provenienz“ eines Bildes zu löchern – ein Wort, das ich damals überhaupt noch nicht in meinem aktiven Wortschatz hatte – und alles aus Ihnen herauszupressen, was man sonst noch dazu wissen könnte und möglichst noch mehr.

Nach diesem Tag wird das Blatt aber schnell zu einem Paradestück der damals noch kleinen Farbholzschnitt-Sammlung und hängt lange in der originalen Rahmung in der Wohnung. Wir finden es beide absolut schön. Der Künstler bleibt für über ein Jahrzehnt unbekannt. Das Monogramm liest sich – wenn man es weiß – zwar sicher „CG“ oder „GC“, aber es lassen sich mit Phantasie auch andere Buchstaben erraten. Signatur und Bezeichnung sind stark verwischt. Eine Weile träumen wir davon, einen Holzschnitt von Lajos Gulácsy (1882-1932) besitzen, auch wenn Grafiken dieser Art von ihm schon damals nicht nachzuweisen waren. Denn Gulácsy ist ein sehr teurer ungarischer Maler. Der klassische Flohmarkttraum eben.

Aber wir haben keinen Chagall im Trödel gefunden. Wer genau und wann den Schnitt Gyula Conrad zugeordnet hat, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Zunächst ist die Erkenntnis eher ernüchternd. Der Name Conrad sagt uns wenig, auch das um das Jahr 2000 herum zunehmend als Quelle zur Verfügung stehende Internet weist nur belanglose, uns wenig ansprechende Radierungen nach. Immerhin, für kleinste Beträge kaufe ich gelegentlich weitere Arbeiten von Conrad, Radierungen mit italienischen Motiven, auch eher Banales mit typisch ungarischen Szenen oder ein paar Ex libris, später auch antiquarisch Bücher, zu denen Conrad Illutrationen beigetragen hat.

Und es vollzieht sich ausgehend von der Beschäftigung mit dem „Meeresufer“ ein allmählicher und ständig sich vertiefender Einstieg in die ungarische Druckgrafik der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert. Zum Glücksfall werden deutsche und ungarische Kataloge und Publikation zur ungarischen Grafik der Zeit, insbesondere zu Holz- und Linolschnitten im japonistischen Stil, die Anfang der 2010-er Jahre zugänglich werden und durch die Gyula Conrad in bislang unbekannte  Zusammenhänge gestellt wird. Er ist zwar immer noch kein führender Künstler seiner  Zeit, im Gegenteil wird er als Autodidakt bezeichnet und deutlich in die zweite Reihe gestellt, aber doch hat er sich aus einem Kreis von Künstlern um den Maler, Grafiker und Lehrer Viktor Olgyai heraus, in Ungarn anfangs des 20. Jahrhunderts wohl am intensivsten mit der Technik und den Möglichkeiten gerade des Farbholzschnittes befasst. Und er traut sich auf Reisen und zu Aufenthalten in Paris, München, London und Italien.

Seine Arbeiten sind zahlreich und weitgehend vollständig in der grafischen Sammlung der Ungarischen Nationalgalerie vertreten, ohne dass sie über Fachpublikationen hinaus bislang Beachtung fänden. Die Blätter sind stilistisch verschieden, auch die künstlerische Qualität streut stark. Es gibt eine Reihe ganz starker Arbeiten aus allen Bereichen, Radierung, Holzschnitt und auch Lithografie, aber auch viel Unscheinbares, Belangloses, Triviales. Und ein guter Maler scheint Conrad eher nicht gewesen zu sein.

Doch keiner seiner sonstigen Farbholzschnitte kommt auch nur annähernd an das „Meeresufer“ heran. Das Blatt hat eine Sonderstellung in Conrads Oeuvre und am Ende auch in der Sammlung Barina, stellt es doch aus heutiger Sicht einen der Ausgangspunkte der Sammlung insgesamt dar. Mit zunehmendem Wissen um seine Bedeutung wurde es im  Laufe der Zeit gelegentlich „umgebettet“. Zuerst wurde der alte Rahmen vom Flohmarkt zwar beibehalten, in dem der Druck mit der Scheibe direkt Kontakt hatte, und nur die alte Rückenpappe durch säurefreies Material ersetzt. Zwischenzeitlich musste aber auch der alte Rahmen weichen und wurde ein Passepartout beigegeben, das für Abstand zwischen Druck und dem Museumsglas mit UV-Schutz vor Verblassen sorgt.

Denn über den ganz persönlichen und sammlerischen Wert des Blattes sowie die mögliche Stellung innerhalb der ungarischen grafischen Kunst hinaus, hat sich bei den Recherchen noch etwas völlig Überraschendes ergeben: Es könnte sich um den einzig erhaltenen Abzug handeln. Bislang beruhen alle Kenntnisse der ungarischen Kunstwissenschaftlicher, die sich mit Conrad befassen, zu diesem Druck auf der Beschreibung und schwarz-weiß-Abbildung in einer Ausgabe der Budapester Zeitschrit „Vásárnapi Ujság“ (Sonntagsneuigkeiten) von 1910. Ein weiteres Original in Farbe ist bislang nicht bekannt.

Im September 1994 beginnt also doch ein Sammlertraum.

WB – 15.4.2019

Links

Weitere Farbholzschnitte von Gyula Conrad in der Sammlung Barina

Alle Arbeiten von Gyula Conrad in der Sammlung Barina
http://www.wolfgang-barina.de/kunst/sammlung/kuenstler_af.html#Conrad

Ungarischer wikipedia-Beitrag zu Gyula Conrad
https://hu.wikipedia.org/wiki/Conrad_Gyula

Literatur

  • Städtisches Kunstmuseum Spendhaus Reutlingen und Ungarische Nationalgalerie Budapest (Hrg.): In ruhigem Wasser. Holz- und Linolschnitte des ungarischen Jugenstils aus der Sammlung des Ungarischen Nationalgalerie und der Akademie der Bildenden Künste Budapest. ISBN 3-933820-84-7
  • Miskolci Galéria (Hrg.): A modern magyar fa- és linometszés 1890-1950 (Der moderne ungarische Holz- und Linolschnitt 1890-1950*). A Miskolci Galéria Könyvei 22, 2005. ISBN 963-85393-1-3 (English summary S. 311-313)
  • Földi, Eszter: A képzőművészet mostohagyermeke. A magyar művészgrafika kezdetei 1890-1914 (Das Stiefkind der Bildenden Kunst. Die Anfänge der ungarischen Kunstgrafik 1890-1914*). L’Harmattan Kiadó, Budapest 2013.
    ISBN 978-615-5436-03-1
  • Vasárnapi Ujság: A grafikai művészet technikái és hivatása (Die Techniken und der Beruf der grafischen Kunst*). Heft 19, 8. Mai 1910, S. 389-393

* Liegt nur in ungarischer Sprache vor, Übersetzung der Titel zur Orientierung.

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Wein-Tagebuch umgezogen

Ab sofort unter www.wolfgang-barina.de/wein2018.

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WEIN (4): Dem Stock Nr. 7 zum Abschied tief in die Augen geschaut

7. April 2018

Stock Nr. 7 in der äußeren rechten Reihe hat ab sofort ein grünes Schleifchen und steht unter besonderer und dauerhafter Beobachtung.

Leider haben unsere – gleichwohl selbst gewählten – Lebensumstände zur Folge, dass wir den Weingarten erst im Juni wiedersehen, morgen geht es zurück nach Frankfurt. Hier an den Weinstöcken werden sich in den kommenden Wochen wundersame Dinge ereignen, die aber unsere Anwesenheit nicht zwingend erforderlich machen.

Ich dokumentiere jetzt abschließend auf Fotos den heutigen Entwicklungsstand von Stock Nr. 7, beispielhaft für alle übrigen. Nach Rückkehr im Juni  fotografiere ich die gleichen Stellen, so dass man wird sehen können, was in der Zwischenzeit passiert ist. Nr. 7 wird dann nicht wieder zu erkennen sein.

Heute präsentiert er sich noch als nacktes, laubloses Holzstäbchen, das aus einem etwa 60 cm hohen strubbeligen, verholzten Stamm herauswächst und leblos wirkt. Aber aus vielen Schnitten am Stock, die wir mit der Rebschere hinterlassen haben, tropft glasklarer Saft. Der Stock ist aktiv, die Wurzeln drängeln.

Auf der gebogenen Rute von Nr. 7 gibt es Verdickungen im unregelmäßigen Abstand von 7-12 Zentimetern („Internodien“). Wer genau hinsieht erkennt, dass diese „Augen“ schon anschwellen. Sie sind noch ein gutes Stück vor dem Aufplatzen und der Entwicklung neuer Triebe, Blüten und Blätter, aber doch deutlich über die Winterruhe hinaus. Als Nr. 7 im vergangen Jahr noch ungebogen und senkrecht zwischen den Drähten stand,  waren dort wo jetzt die Augen sind, Blattansätze oder Trauben. Für dem jeweiligen Entwicklungsstand eines Rebstockes im Verlauf des Jahres gibt in der Welt der Winzer jede Menge Bezeichnungen, sogar einen Zahlen-Code (s. https://de.m.wikipedia.org/wiki/BBCH-Skala_für_Weinreben), wir sind jetzt etwa bei „01“. Feine Differenzierungen sind für den Erwerbswinzer so wichtig wie die 1.000 Arten von Schnee für den Inuit, er muss spezifisch und schnell auf jede Störung beim Pflanzenwachstum reagieren. Weil wir keine Eskimos sind, belassen wir es für uns bei grobschlächtigen  Vereinfachungen wie eben Auge, Knospe, Blüte, Blätter, Trauben.

Wie wird Nr. 7 im Juni aussehen und was passiert bis dahin? Aus jedem Auge wird eine Knospe geworden sein, die aufplatzt, kleine zartgrün pelzige Triebe brechen hervor, an der Spitze zunächst noch eingerollte Blätter, aber mittendrin auch schon das „Geschein“, die Vorform der Blüte. Genau in diesem Moment bitte keinen Nachtfrost, sonst stirbt der Trieb ab. Der Stock rettet sich zwar, indem er „schlafende Augen“ aktiviert und noch einmal austreibt. Den daraus entstehenden Trauben fehlen aber im Herbst des Jahres wichtige Tage oder gar Wochen zum Ausreifen. „Time is sugar“, keine Frage.

Wenn die Gescheine diese kritische Phase überstanden haben, werden sie sich grazil entfalten, über dem Weingarten liegt ein dezenter Blütenduft. Die Triebe haben sich lang gestreckt und tragen Blätter. Man freut sich, hantiert aber besser nicht allzu viel an den Pflanzen herum, denn es droht ohnehin schon die „Verrieselung“ durch Wind, Starkregen und Hagel. Erst wenn die winzigen Fruchtansätze nach Wochen zu schrotkorngroßen grasgrünen Beeren geworden sind, die von gesunden Blättern ernährt werden, ist das Gröbste für dieses Jahr geschafft, von alleine fällt nicht mehr herunter. Dann müssen die Trauben nur noch mit viel Sonne ausreifen und nicht vom Fuchs gefressen werden.

Ich gehe davon aus, dass bis Ende Juni die eigentliche Blüte abgeschlossen ist und man den Trieben, von denen heute noch nicht eine Spur zu sehen ist, ab Mai beim Wachsen zusehen kann. Sie werden schnell 80, 120, 140 cm lang sein und hätten schon längst am Draht festgebunden werden müssen, damit sie möglichst gerade nach oben wachsen. Da können wir aber nur auf den lieben Nachbarn hoffen, der täglich unser Grundstück auf dem Weg zu seinem Garten quert und den die nicht zu übersehende Haltlosigkeit unserer nach unten hängenden Triebe dauert. Er gibt ihnen mitunter um die Blüte herum auch etwas von seiner Spritzbrühe ab. Unsere Rebsorte ist zwar der Papierform nach pilztolerant, aber unverwundbar ist sie in keinem Fall.

Die Triebe werden übrigens im unregelmäßigen Abstand von 7-12 Zentimetern Verdickungen haben. An der ersten und zweiten Verdickung werden Blätter stehen, an der dritten und vierten die Fruchtansätze, an der fünften und allen folgenden wieder Blätter. Im kommenden Winter fallen die Blätter ab und das nackte Holz bleibt stehen. Zurecht gestutzt kann daraus wieder so eine gebogene Rute werden wie sie hier am Anfang beschrieben ist. Alles beginnt von vorne.

In diesem Juni werden wir aber erst einmal überschüssige Triebe „ausbrechen“. Heute hat der Stock nämlich noch alle möglichen Augen und Knospen, die wir auf keinen Fall alle brauchen und wollen. So eine Art Sicherheitsreserve, siehe Frost, Hagel und Verrieselung.

Mit diesen Vorhersagen und Hoffnungen lassen wir also Nr. 7 und seine 110 Brüderchen und Schwesterchen auf sich alleine „und uns‘ren lieben Nachbarn auch“ gestellt zurück und verabschieden uns.

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WEIN 2018 (3): Ritter der Schwefelrunde

4. April 2018
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Jetzt duftet der Hobbywinzer wie ein pubertierendes Mädchen, das sich voller Panik mit schwefelhaltiger Pickel-Creme eingerieben hat. Sagen wir Dermasulf oder Sulfoderm oder was es da alles gibt. Im Weinbau braucht der Nicht-Demeter-Aktivist keine Akne zu fürchten, er ist praktisch ständig in Kontakt mit irgendeiner Art Schwefelverbindung: sei es beim Pflanzenschutz, bei der Reinigung von Geräten oder dem Schutz des fertigen Weines vor frühzeitiger Alterung durch Oxidation in der Flasche.

Heute also Akne-Vorsorge der Kategorie Pflanzenschutz:  zusammen mit reinem Schwefel in einer öligen Emulsion eingebundenes Kupfer(II)-hydroxid wird mit viel Wasser verdünnt und mit einer Spritze fein auf die Augen, die späteren Knospen, und das nackte Rebholz gesprüht. Über die Sinnhaftigkeit dieser Maßnahme hatte ich mich ja schon im vorigen Artikel geäußert, lassen wir es heute bei den Fakten: es genügen für unseren Weingarten im jetzigen Nacktzustand etwa 8 Liter Spritzflüssigkeit und das „kleine Besteck“, also so etwas wie die allseits bekannte Gartenspritze „Gloria 5 Comfort“. Die große schwere Spritze, die man sich auf den Rücken schnallt, wird Gott sei Dank erst später gebraucht, wenn das Mehrfache an Sprühflüssigkeit am dann üppig wuchernden Blattwerk hängen bleiben soll.

Gleichwohl ist diese ganze Spritzerei das was am wenigstens Spaß macht bei der ganzen Sache. Übervorsichtig wird mit Mund-, Nasen-, Augenschutz gearbeitet. Ein altes gelbes Regencape dient seit Jahren als Überhang. Die Gummihandschuhe haben trotzdem wundersamerweise immer wieder Löcher, so ganz kontaktlos geht es also nie. Das Reinigen der Gerätschaft nach Gebrauch ist lästig, zu schweigen von der Frage wohin mit dem Waschwasser. Hier jetzt also bitte 5 Sekunden schweigen: 21, 22, 23, 24, 25. Und schon ist das Wasser weg.

Und wie gesagt: wenn die Pelerine nicht dicht hält, riechen Winzer und Kleidung eine ganze Weile wie nach einer Akne-Kur. Und Fleeceshirts zum Beispiel geben das auch nach mehreren Waschgängen nicht wieder ab. Aber man gewöhnt sich und fühlt sich irgendwann auch wie ein Mitglied des Ordens der Ritter der Schwefelrunde.

Nebenher berichtet hat ein uns bekannter Dorfbewohner erfreulicherweise angeboten, den Weingarten zu hacken, sonst wäre der Boden so geblieben wie er ist. Leider musste er feststellen, dass da nichts mehr zu hacken ist, jetzt gräbt er um. Er wird 2-3 Tage brauchen.

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WEIN 2018 (2): Fuchsbremse sticht Saftstau

2. April 2018
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Die letzten Reihen sind gebogen und gebunden, fehlende Drähte eingezogen. Wenn das Wetter so sonnig und trocken wie heute bleibt, wird bald noch Runde Schwefel und Kupfer auf Triebe und Knospen gesprüht, dann ist hier erst einmal Schicht bis Juni.

Gleich mal aufgemerkt: Schwefel und Kupfer sind voll „bio“! Schwefel vergrellt die Blattgallmilben, die in den Knospen überwintern und reduziert damit später ein wenig die von diesen unsichtbaren Tierchen verursachten Blattschäden („Pocken“). „Ein wenig“ deutet an, dass das Prinzip Hoffnung Teil des Pflanzenschutzes ist. Und Kupfer um diese Zeit einzusetzen, droht auch nur ein wenig und wenig wirksam dem Echten und Falschen Mehltau über eine unbestimmte kalendarische Distanz hinweg, muss diesem aber später nicht einmal tatsächlich wehtun. Solange nämlich überhaupt noch keine Mehltau-Sporen unterwegs und Blätter an den Pflanzen sind, an denen sie sich festsetzen können, ist die Kupferspritzung mehr eine psychologische Maßnahme für den Winzer.

Zum Biegen und Binden sei noch erwähnt, dass wir die so genannten „Bogreben“ nicht mehr wirklich rund und über den „Biegedraht“ nach unten biegen und binden, sondern auf einem höheren Draht flach verlaufen lassen. Das ist eigentlich nicht ganz fachmännisch und Pfusch. Denn wir verzichten auf einen gewissen Effekt mit dem legendären Namen „Saftstau“. Aus der Wurzel gelangen die Nährstoffe durch feine Kapillaren in die Knospen und später in die Blätter und Trauben. Leider hat dabei die am Ende der Bogrebe sitzende und am weitesten vom Stamm entferne Knospe einen strategischen Vorteil, sie bekommt am meisten Nahrung ab. Der Saft aus den Wurzeln rauscht hingegen an den davor gelegenen Knospen im Sauseschritt vorbei und lässt sie weniger gut versorgt zurück als die Mutter aller Knospen am Ende der Nahrungskette. Wenn man nun die Rebe am Anfang biegt und die Flüssigkeitsleitungen etwas quetscht und verengt, läuft der Saft insgesamt langsamer und die zum Stock gelegenen Knospen können besser einen Schluck davon abhaben als ohne den „Saftstau“.

Soweit die Theorie, jetzt die Praxis: wenn wir vorschriftsmäßig nach unten biegen hängen später die reifen Trauben auf einer Höhe, auf der sich Fuchs und Dachs noch nicht einmal auf die Hinterbeine stellen müssen, um uns die Ernte wegzufressen. Daher haben wir entschieden darauf zu verzichten und etwas höher zu gehen. Jetzt müssen Grimbart und der Reineke sich schon etwas mehr anstrengen, wenn sie bei uns im Herbst klauen wollen. Und daran denkt man dann auch schon mal am 2. April.

Merke, lerne und staune: es werden nicht nur zwischen 11:42:42 und 11:42:52 Uhr des gleichen Tages –innerhalb Sekunden – Effekte und Gewinne erzielt. Vieles braucht Zeit und Geduld. Weinbau ist gelebte Entschleunigung.

Wie viele gute Gründe es aber für unsere Saftstau-Abstinenz gibt zeigen zwei innerhalb von 48 Stunden nach Verfassen dieser Notizen in der Nacht entstandene Fotos. Der Fressfeind schickt seine Später: Fuchs erst einmal nur auf dem Vorbeimarsch, der Dachs hingegen betrachtet wie zur Verhöhnung unserer Maßnahmen schon einmal unseren Rebenaufbau auf der rechten Seite des Fotos und rechnet sich aus wo später die Trauben hängen werden.

Fuchs, 4. April 2018, 22:14 Uhr

Dachs, 5. April 2018, 0:18 Uhr

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WEIN 2018 (1): Schneiden, biegen, binden, wundern

28. März 2018
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Höchste Zeit für den Pflanzenschnitt. Das Holz vom letzten Jahr, an dem die Trauben des Jahrgangs 2017 hingen, muss stark zurückgeschnitten werden, um Platz zu schaffen für neue Triebe, an denen der 2018-er hängen wird.

Wie immer in etlichen Fällen kleinere Probleme mit dem Pflanzenaufbau. Nicht immer ist sofort klar, was weggeschnitten werden sollte oder besser stehen bleibt. Es rächen sich die Fehler und falschen Entscheidungen der Vorjahre. Ein Weinstock vergisst nicht.

Nach dem Schnitt müssen die losen Hölzer aus den Drähten gezogen werden. Die sind aber oft hirschgeweihartig verzweigt und dazu noch vom Vorjahr stellenweise an den Drähten festgebunden. Klein schneiden zwischen den Drähten ist lästig, losbinden ist lästig. Aus den Drähten reißen ist lästig, außerdem könnten die Ruten, die stehen bleiben, beschädigt werden. Schön ist wenn die Sonne scheint und mit innerer Ruhe gearbeitet wird. Von Stock zu Stock denken. Die ersten schwärmenden Insekten summen lassen.

Und heute sind sie zum ersten Mal da, Wildbienen und andere Winzlinge, die sich an den Vergissmeinnicht, Veilchen oder Gänseblümchen treffen.

Es wird ist also höchste Zeit für den Pflanzenschnitt. Denn danach muss noch gebogen und gebunden werden. Und wenn dann schon die Knospen der Weinstöcke beginnen anzuschwellen oder gar aufzugehen, könnten sie dabei beschädigt werden. Also jetzt schnell noch biegen und binden. Wir sind mindestens 2 Wochen zu spät mit dieser Arbeit.

Vorher noch die Reihen von den Unmengen des abgeschnittenen Altholzes befreien. Große Bündel von verzweigten Altrieben unter beiden Armen, die soweit herab hängen, dass sie die Beine beim Gehen zwischen engen Reihen blockieren. Der Nachbarshund läuft mit und schaut zu wie der Haufen, der später verbrannt werden soll, wächst und wächst. So viel Altholz an nur 110 Weinstöcken! Und dabei ist das nur das, was vom Vorjahr nach mehreren Grünschnitten übrig geblieben ist.

Heute noch die Hälfte der insgesamt acht Reihen gebogen und gebunden, der Rest dann in den kommenden Tagen. Wie machen das Winzer mit 60 Hektar Rebfläche? Natürlich mit ausreichend Personal. Aber an der Handarbeit am Weinstock ändert das nichts, an den bislang angefallenen Arbeiten gibt es nichts zu mechanisieren.

Provozierend gesagt: bei einem deutschen Facharbeiterstundenlohn von nur 30 Euro und angenommen heute 8 eingebrachten Arbeitsstunden, hätten wir – ohne überhaupt für den Moment fertig zu sein – etwa 240 Euro Arbeitskosten verursacht. Wenn wir es in diesem Jahr nur auf 100 Flaschen Wein brächten, würde der also heute schon 2,40 Euro die Flasche kosten.

Und die Austriebsspritzung steht noch aus und natürlich die im weiteren Jahresverlauf – bei uns nur – 3 bis 4 weiteren Arbeitseinsätze im Weingarten, bevor überhaupt die eigentliche Weinherstellung und der Ausbau im Keller beginnen. Natürlich kann und darf man das alles so nicht rechnen, aber wie dann? Weinbau und –herstellung sind eben ein großes Mysterium, in jeder Hinsicht.

Darüber dass noch ein paar Drähte gerissen sind und ersetzt werden müssen, und die anderen neu gespannt, soll hier nur noch kurz geschwiegen werden. Und auch vom Unkraut hacken.

Ganz am Ende des Tages dann wird eine Flasche vom 2014-er aufgemacht. Der Edelknabe unter unseren Jahrgängen, ein Schön-, Vornehm- und ein wenig auch Wichtigtuer, will nichts mit der restlichen, jahrgangsweise auch recht struppigen Verwandtschaft zu tun haben. Unter welcher Sternenkonstellation der erzeugt wurde weiß der Himmel, wir nicht. Aber wir wissen wer die Reben, an denen er gewachsen ist, im Winter 2012/2013 geschnitten und gebogen hat. Und das ist dann das Ende aller Beschwerden und Rechnereien. Für heute.

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