Sulz!

15. Januar 2019

Was für eine unerwartete Wiederbegegnung. Ein Nachbar in Ungarn beehrt mich mit einem Teller hausgemachtem SULZ, wie man hier früher im schönsten örtlichen Dialekt sagte. Das Wort selbst ist jetzt nicht so gar entfernt von der hochdeutschen „Sülze“, dafür das Gericht in seiner hier vormals gepflegten traditionellen und archaischen Urform – SULZ! –  aber umso ferner von all dem, was ich mir selbst täglich auf dem Gebiet der Ernährung beschaffe und zuführe.

Besagtes SULZ, was ist das? Man nehme reichlich Schwänzchen, Füße, Ohren (alles vom Schwein), vielleicht auch ein Schnäuzchen und überhaupt Schwarte und Knochen und koche das Ganze weich, würze nach Geschmack mit Salz, Pfeffer, Paprika. Das Kollagen geht aus Haut, Knochen und Knorpel in die Flüssigkeit über. Zu den frühen Kindheitszeiten, in denen mir Sulz noch durch die ungarndeutsche Familie meiner Mutter und Großmutter präsent war, wir sprechen von den 1950er und frühen 1960er Jahren, waren Kühlschränke noch nicht überall verbreitet, es gab SULZ also nur im Winter, bei uns standen dann immer 6-8 Teller auf der ungeheizten Speichertreppe. Man schippt etwas von den ausgekochten Zutaten auf Suppenteller und gießt reichlich von der Brühe drüber. Mit dem Auskühlen wird die Flüssigkeit durchsichtig und fest, so dass man bedenkenlos den Teller auf den Kopf stellen kann, ohne dass was  herausfällt. Keine Gelatine, kein Aspik. Alles Natur.

Gegessen wird kalt, mit Löffel, es schmatzt wenn man etwas aus dem Teller absticht und hochzieht. Meine Oma zog gerne das Gelee durch die Zähne und ließ genüsslich Knorpel zwischen den Zähnen knacken. Ich denke der Spaß beim  Essen war ihr ähnlich dem, den andere bei Götterspeise empfinden, auf die jemand Krokant gestreut hat. Und das dürfte fast das Wichtigste gewesen sein, denn an den Knöchlein und Knorpeln war ansonsten wenig, was hätte sättigen können, zumindest kein (rotes) Fleisch. Wie weit Ausgekochtes aus Haut und überhaupt Kollagen und Gelatine Nährstoffe und Kalorien enthält entzieht sich meiner Kenntnis, aber nach so einem Teller SULZ war man sicher trotzdem für eine Weile satt.

Selbst habe ich wohl schon in meiner Kindheit in Deutschland – aus welchen Gründen auch immer – einen großen Bogen um SULZ gemacht. Eine ganze Portion habe ich sicher nie gegessen und glaube auch nicht, dass ich überhaupt mal probieren wollte, musste oder durfte. Das war nicht so meins und Oma war in jedem Fall schneller und gieriger. Aber wir wurden schon als kleine Kinder zum Metzger einkaufen geschickt, mit einer großen Tasche und einem Zettel:  Brustkern – „Schiefleisch“ –  und Markknochen (für die Suppe),  Aufschnitt (für uns Kinder, smile!), später – als wir keine eigenen Schweine mehr großzogen – auch mal Hackfleisch, Schnitzel und Gulasch. In der SULZ-Saison wurde die Liste aber um die Posten „Ohren, Schwänze, Füße“ erweitert. Wir blickten also tapfer nach oben der hessischen Metzgersfrau ins Auge und verlangten die genannten Delikatessen. Dass sowas sonst jemand aus dem Ort gekauft hätte, ist mir nicht erinnerlich, meist wohl nur die aus der „Paprikasiedlung.“ Stigmatisierung durch SULZ! Ein Trauma, wobei es aber auch immer schön war, anders als die anderen zu sein. In diesem Sinne gehört SULZ also sehr wohl zu meiner Biografie, gegessen haben es aber andere.

Warum erzähle ich das?  Natürlich nicht, um all die Vegetarier und Veganer um mich herum zu schockieren. Meine Thema ist wie schon früher der Überfluss, die Verschwendung, der Realitätsverlust bei der Ernährung, der unermessliche Luxus, den wir uns leisten, in dem wir von unter tierquälerischen Bedingungen gezeugten und gemästeten Millionen von Lebewesen nur wenige, mit spitzen Fingern ausgewählte Teile konsumieren und wohl 80% des restlichen Kadavers zur Unkenntlichkeit weiterverarbeitet in dekonstruierte Sekundärprodukte oder in Hunde- und Katzennahrung verwandeln oder perverser- und zynischerweise tiefgefroren an die Armen in dieser Welt schicken. Die westafrikanischen Erzeuger ächzen unter dem Konkurrenzdruck von  Megatonnen tiefgefrorener billiger Hühnerfüße und –hälse und können selbstgezogene ganze Hühner auf den lokalen Märkten kaum noch zu den entstanden eigenen Kosten verkaufen.

Auf diesem Hintergrund mag mir meine Oma erscheinen wie eine Gallionsfigur für konsequentes und  ganzheitliches Wirtschaften und Handeln, wenn sie wohl auch, darauf angesprochen, nicht verstanden haben dürfte, was ich jetzt gerade sagen will. Aber wer von April, Mai drei Ferkel mit selbst angebauten Kartoffeln und zugekauftem Weizenschrot und Kraftfutter „Rrufff A“ bis in den Dezember hinein zweimal täglich abfüttert und groß und fett zieht, sich um Durchfall und andere Krankheiten dieser quiekenden Lebensabschnittspartner sorgte, im Ernstfall den Tierarzt kommen ließ  und zwei Tage vor dem Schlachttag weinend am Küchentisch saß, weil Peter und Gretel – sie gab den Ferkeln immer Namen – nun bald zu Schwartenmagen, Wurst und Schinken würden, der kommt nun mal nicht auf die Idee, auch nur irgendwelche Teile der Tiere nicht zu verwerten. Sie war das auf eine unausgesprochene  Art und Weise Peter und Gretel schuldig. Da müssen wir noch nicht einmal auf dem klischeeverschmierten Eis „Armut“, „Not“, „Subsistenz“ herumrutschen. Auch mit zwei Kreutzern in der Tasche wäre nix weggeworfen worden. Wir haben in Deutschland noch nicht einmal konsequent alle überlieferten Verwertungsmöglichkeiten wahrgenommen. Selbstverständlich haben wir für die hausgemachten Würste die Därme von Peter und Gretel mit von Opa geschnitzten Holzspateln ausgeschabt und damit gereinigt – damit wurden auch schon wir Kinder betraut -, aber die aufgefangene Schmiere aus Darmwandfett haben wir nicht mehr mit Pottasche vermischt zu Seife verarbeitet. Dafür fand aber sprichwörtlich alles außer den Knochen irgendwie Verwendung für die menschliche Ernährung und sorgte dafür, dass der Bedarf an tierischem Eiweiß für eine komplette Großfamilie auf ein komplettes Jahr mit Peter und Gretel gedeckt war.  Anfangs wurde nichts weiter zugekauft, der Rest war Schrebergarten und Gemüse. Aber die komplette Schwarte und alles Fett wurden – ich hatte mit vier Jahren meine erste eigene, von Mutter genähte weiße Schürze an und stolz ein wirklich scharfes und langes Schlachtermesser in der Hand – in Würfel geschnitten und in einem familieneigenen Kupferkessel von einem Meter Durchmesser im Hof über offenem Feuer zu Dutzenden Litern Schmalz geschmolzen, das sämtlichen Fett- und Ölbedarf bis weit ins Jahr hinein decken musste. Wenigstens in meinen ersten Kindheitsjahren wurden Hefekuchen – sei es mit gemahlenem  Mohn oder Walnüssen – weder mit Butter noch Öl, sehr wohl aber mit Schweineschmalz zubereitet. Zur Ernährung meiner Familie gehörten selbstverständlich auch Leber, Nieren, Herz, Lunge, Hirn und Blut. Und eben SULZ als Beispiel dafür, was man aus all dem machen kann, das sich nicht zu geräucherter Wurst und Schinken verarbeiten lässt oder wie Schälrippchen in Gläser eingekochten werden konnte.

Ob ich das heute noch mögen würde, sei dahin gestellt. Aber Butter bei die Fisch: auch die gereinigten Blasen von Peter und Gretel fanden Verwendung  als Gefäße für eine Dauerwust, die „Ginter“ genannt wurde, wobei es hier nicht um Geschmack oder Zutaten gehen soll, sondern um das umfassende Verwertungsprinzip. Magen und um Nebensegmente erweiterter Dickdarm fanden mit der Wurstspritze aufgefüllt und hernach an den Enden mit zuvor mit sinnigerweise passend handgeschnitzten Holzspießchen – hier wieder Opa Wochen im Voraus vorbereitend am Werk – ihren Verwendungszweck bei Würsten, die gerne ihrer Form und Hülle nach benannt wurden, wenn auch all recht ähnlich schmeckten. „Saures“ aus Leber, Niere, Lunge und Herz war DIE Delikatesse an Schlachttagen. Und eben SULZ.

Von Jordi Savall lernen heißt …………

25. Januar 2017

Jedes Konzert von Jordi Savall ist Balsam für die Seele. Fast grenzenlose Perfektion und Charisma kommen daher wie nette Beiläufigkeiten. Alles ist wie selbstverständlich bei sich, alles organisch und unverstellt, ohne theoretisierenden Überbau, pragmatisch im hier und jetzt. Hirn trifft Bauch. (Spiel)technische Schwierigkeiten hat nur das Publikum bei der Einnahme der Sitzplätze.

Savall nimmt sich die Freiheit, Stücke ganz anders zu spielen als andere es sich zu trauen und denken wagen würden. Vielleicht hat er nur das Glück, als Hispanier die traditionelle spanische Musik der Renaissance und des Barock gleich aus zwei Richtungen aufladen und dynamisieren zu können: mit aus Lateinamerika importierten musikalischen Elementen sowie mit dem Erbe von Al-Andalus. Aber das greift zu kurz: er ist vor allem ein Musiker, der sich Material grundsätzlich nach eigenem Gusto für sich selbst zurechtlegt, arrangiert und bearbeitet. Dies feststellen und betonen zu müssen ist beinahe eine Bankrotterklärung für den üblichen Musiktertypus des normalen Musikbetriebs, in dem der Eingriff in Kompositionen und das Collagieren von Material ein Tabu sind.

Man mag gerne darüber streiten, ob der Eingriff von Musikern in eine Komposition legitim oder strafbar ist, aber  Musizieren heißt immer Material und Idee zu interpretieren und das in deutlich weiterem Sinne, als wir es uns in ziemlich kleinlicher Weise gestatten oder zugeben. Sehr lange Zeit wurden mit der Notenschrift nur Material und Ideen skizziert, nicht notiert wurde dagegen Verständnis darüber, was damit zu tun ist und welche Freiheiten ich als Musizierender habe und auch nutzen soll(!).

Liquidationsverkauf

St. Gallen/Ostschweiz, 13. Januar 2017

Ein Schild im Schaufenster: „LIQUIDATIONSVERKAUF!!!“

„….. ist ja prima“, sagt der Kunde, „wenn der so stark herunter gesetzt ist, hätte ich gerne den gelben Pullover da“. „Kein Problem,“, antwortet der Verkäufer, „stellen Sie sich einfach dort an die Wand!“

Wort des Tages (1 und 2)

10. Januar 2017

  • Real gerade erlebt: SENIORENGYMASTIK. Puh, aber da kommen wir alle mal hin.
  •  Gestern im TV innerhalb einer Doku über die Drehorte von „Der Dritte Mann“ in Wien: KANALFORELLE. Daraus könnte  man ein Rätsel machen, aber wahrscheinlich ist das doch zu einfach. Guten Appetit und Mahlzeit bei diesem Leckerbissen aus Nachkriegsmangelzeiten.

Mao Z. fehlt unentschuldigt beim Gruppenbild!

Angetreten als Bösewicht, Gutmensch oder anderweitig Weltverändernde/r sind (von links nach rechts und oben nach unten): das Dalai-Lama, Onkel Che, der Mann aus Lambarene, Nelson M., Jesus von N., die schon selige und ab September 2016 voraussichtlich heilige Großmutter Teresa, Osama bin-schon-mal-im Laden, der fast schon vergessene Idi A. aus U. sowie ein vormaliger Führer (vgl. Switch Reloaded, „Obersalzberg“-Clips). Dazu oben links einer mit einer großen 70er/80-er-Jahre-Brille und blonden Haaren, den ich einfach nicht gepeilt kriege. Dabei müsste er nach aller Logik mindestens auch ähnlichen Weltrang haben wie der Rest der Versammlung:

ex-libris-lars-a-haack

Radierung 4/50: „Ex libris Lars A. Haack“, ca. 10 x 15 cm,
unten rechts unleserlich signiert

Über allen schwebt das unbesternte Firmament, das nach unten hin in Haufen von Totenköpfen und Schädeln übergeht. Jesus, Teresa, Osama, Idi und der Führer werden durch eine Art Lupe hervorgehoben und unterscheiden sich durch was genau von denen außerhalb des Lupenrandes? Wenn man das jetzt wüsste und überhaupt auch was uns das Bild sagen will. Irgendwie geht es um „Gut“ und „Böse“ und wie beide mit einander zusammenhängen, denke ich mir. Es scheint auch von oben nach unten zunehmen böser zu werden, aber was um Himmels Willen macht die selige Schwester vom Wojtyla so weit unten. Und ihr himmlischer Bräutigam wäre hernach das Bindeglied zwischen all dem Guten und dem Bösen auf dieser Welt ?

Nun kann ich leider niemanden fragen, weil ich vergessen habe wo ich diese Radierung gekauft habe und vor allem: „Warum?“! Das Blatt fiel mir beim sortieren und dokumentieren meiner Sammlung aus einer Mappe entgegen. Fast bin ich erschrocken, dass ich es besitze. Es kann nur für 1 Euro durch die E-Bucht geschwommen sein oder als hintersinniges und gleichzeitig infames Geschenk eines nahen Vertrauten, in eines der Bücher gelegt, die man so zu runden Geburtstagen geschenkt bekommt.

Eigentlich kann es jetzt wieder weg, im Internet finden sich für so etwas ohne  Frage Interessenten. Vorher wird aber noch geklärt:

  • Wer ist der begabte Künstler, der dieses Blatt gestochen hat?
    Nachtrag 29. Oktober 2016: Dieses Rätsel konnte zwischenzeitlich gelöst werden. Es handelt sich um Jens Rusch.
  • Was will uns der Künstkler sagen?
  • Art or not to art or what?
  • Wer ist der Herr mit der Brille oben links?

Kunstsammeln ist eine einzige Schnitzeljagd.
Neue Aufgaben und Herausforderungen in unregelmäßigen Abständen unter „Rätsel und Geheimnisse„.

Wer hat 1925 das „Kleine Zigeunermädchen“ gemalt?

Das Geheimnis dieses kleinen Bildes versuche ich zu lösen seit ich es vor nunmehr 25 Jahren auf einem Flohmarkt gekauft habe. Das Motiv scheint auf den ersten Blick kitschig und erfüllt Klischees, denen ich mich selbst nicht ganz entziehen kann. Nicht umsonst lautet meine frei gewählte Bezeichnung „Kleine Zigeunerin“.
Aber das Bildchen ist auch erstaunlich fein und versiert gemalt und Gestik, Mimik und Atmosphäre sind gut getroffen. Das Kind schaut direkt ins Auge des Betrachters und lebt.

Genialer Ausreißer eines Hobbymalers, Fingerübung eines namhaften Künstlers? Was sehen wir überhaupt: tatsächlich ein „Zigeunermädchen“?

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„Kleine Zigeunerin“
Gouache/Wasserfarben, 1925 (?), ca. 12,5 x 13 cm

Kommen wir zur vermeintlichen Signatur: Wer will hier nicht „Miró“ lesen?

nn-zigeunermaedchen-signatur

Die Idee war natürlich von vorne herein verwegen, aber die Hoffnung auf eine Sensation motiviert schließlich so manchen spontanen Flohmarktkauf. Hier war ich 1991 sogar bereit, auf dem Parkplatzgelände von damals Massa in Hattersheim satte 50 DM auf eine absurde Spekulation zu setzen, die sich beim heimischen Studium von Vergleichssignaturen natürlich schnell als Illusion erwiesen hat. Aber damals hatte man noch kein Smartphone in der Gesäßtasche, um das schnell und gleich vor Ort durchzugooglen.
Was sehen wir also? Einen Schnörkel, der allenfalls vage an gewisse linienartige Strukturen aus Arbeiten von Miró erinnert. Seine Signatur ist das jedenfalls nicht, noch nicht einmal der Versuch diese zu imitieren. Ist es überhaupt eine Signatur oder sind es nur ein paar Kringel, die eine Signatur vortäuschen, eine Fährte legen sollen? Auch befinden sich Signatur und die Jahreszahl „1925“ nicht auf dem Bild selbst, sondern auf dem weißen Papier, möglicherweise einem ehemaligen Briefumschlag, auf den es -schlecht und schräg ausgeschnitten – geklebt ist. Das kann jeder jederzeit dort angebracht haben. Will mich jemand reinlegen oder lege ich mich nur selbst rein und alles ist ganz harm- und arglos?

Und auch das kann man sagen: unabhängig von all diesen bohrenden Fragen ist uns das Gesicht vertraut geworden, wir mögen das Bild so wie es ist.

Aber ich bleibe neugierig: Hat jemand diese Signatur schon einmal gesehen? Kennt jemand vergleichbare Arbeiten? Ich freue mich über jeden Hinweis und über Kommentare per E-Mail.

Fahndung: Caroline Susanne Krafft-Schramm (1865-1922)

krafft-schramm-hess-staatsarchiv-ohne.fussCAROLINE KRAFFT-SCHRAMM
alias „Ralph Sanin“

Wie einige von Euch ja wissen habe ich eine stetig wachsende Sammlung von Kunstwerken, überwiegend Graphik, die ich gerne mit „Zwischen Kunsthandwerk und Expressionismus“ kennzeichne. Das bezieht sich vor allem auf Farbholzschnitte aus der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts, die uns mal kitschig-naiv („Alpinkunst“), mal mit höherem künstlerischen Anspruch erscheinen. Und da ich mir den „Blauen Reiter“ und die „Brücke“ nicht wirklich leisten kann, tendiert meine Holzschnitt-Sammlung natürlich eher ins Populäre und Gefällige. Wobei man sich auch damit ausgiebig beschäftigen und amüsieren kann, darf ich versichern.

Zu den Künstlerinnen und Künstlern dieser Kategorie gehört unter vielen anderen die in Offenbach am Main tätig gewesene Caroline Susanne Krafft-Schramm, die wegen ihrer bürgerlichen Stellung  als schwerreiche Industriellengattin und Hausherrin des Anwesens „Löwenruhe“ (heutiges Gelände des Deutschen Wetterdienstes, es steht noch das Gärtnerhaus und die Gästevilla „Bagatelle“ an der Frankfurter Straße) als Künstlerin mit dem männlichen Pseudonym „Ralph Sanin“ gezeichnet hat.

Vom meist graphischen Werk von Krafft-Schramm/Sanin sind mir nur einige wenige Blätter bekannt. Der Rest ist entwederin Privatbesitz (Familie, Erben?), wahrscheinlich aber verstreut oder auch verloren gegangen. Ich selbst besitze 2 Farbholzschnitte, vgl. http://www.wolfgang-barina.de/…./#Sanin. In Offenbach gibt es im Arsenal des Hauses der Stadtgeschichte lediglich 1 kleines Ölgemälde, desweiteren 4 Bleistiftzeichnungen, die allerdings nur katalogisiert, aber in den Tiefen von hunderten Stahlschränken nicht tatsächlich auffindbar sind (ich beteilige Euch gerade einmal am meinen überaus kurzweiligen Expeditionen über den Main). Dann gibt es in der Sammlung der Letter-Stiftung in Köln 3 weitere Farbholzschnitte, von denen man mir freundlicherweise und schnell Abbildungen hat zukommen lassen.

Ganz prima verlief auch die Kooperation mit dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach/Neckar. Da hat man mir die Korrespondenz von Krafft-Schramm/Sanin mit dem schwäbischen Dichter Cäser Flaischlen („Hab Sonne im Herzen…“) binnen Tagen umstandslos kopiert. Aus dieser überaus interessanten, aber doch eigenen Geschichte, resultiert immerhin ein Hinweis auf Werke von „Ralph Sanin“. Krafft-Schramm hat als Mitglied/Patronin des „Frauenvereins des Roten Kreuzes für die Kolonien“ (später“ …für Deutsche über See“), Ortgruppe Offenbach, fast jährlich aus privaten Mitteln ab 1913 einen Kalender herausgebracht, der zugunsten der vom Roten Kreuz in die Überseegebiete bzw. später in die Weltkriegslazarette entsandten Krankenschwestern verkauft wurde. Und für just diese Kalender bittet Krafft-Schramm Herrn Flaischlen um ein Originalgedicht. Das hat er dann unter dem Titel „Unseren Schwestern“ wohl auch geliefert und wurde auch in einem der Kalender, ganz offensichtlich und mit gutem Grund aber nicht von der „Flaischlen-Forschung“ veröffentlicht (ein richtiger Schmarrn, liegt in meinem Giftschrank). Aber die Kalender sind teilweise – und da wird es jetzt wieder interessant – auf den Titelblättern mit farbig wiedergegeben Farbholzschnitten und Aquarellen von Ralph Sanin illustriert (innen sind sie dann leider sehr spartanisch und ohne jeden weiteren Schmuck). Leider konnte ich diese Kalender nur im Stadtarchiv in einen dicken Band mit anderen Materialien eingebunden sehen und fotografieren und nicht feststellen, ob die Titel von Originalstöcken gedruckt worden sind oder ob es sich um Reproduktionen von größeren Originalen handelt.

Lange Rede, kurzer Sinn: Gerne möchte ich darum bitten, dass sich mal alle melden, die sich als Nachfahren der Industriellenfamilie Krafft in Offenbach sehen und bei denen Onkel, Tante oder Oma Kunstwerke von „Ralph Sanin“ an den Wändern hängen haben. Dann bitte auch die, die keine solchen Erbschaften gemacht haben und anderweitig an Arbeiten von Krafft-Schramm gekommen sind (Monogramm in den Farbholzschnitten „RS“) oder wissen wo solche zu finden sind. Ich hoffe  jedenfalls auf Kommisar Zufall….

kalender-1920-ausschnitt-kleinUnd vielleicht hat ja auch jemand einen pfiffigen Tipp wie und wo man an die erwähnten Kalender kommt. Es geht um eher unscheinbare Jahreskalender im Format etwa DinA5 aus den Jahren 1913 bis etwa 1927, die bei Gerstung in Offenbach gedruckt worden sind. Allerdings eben NICHT um die zeitgleich erschienenen Kalender des Hauses Klingspor. Es sollte ein Bezug zum Roten Kreuz erkennbar sein und idealerweise außen oder auf dem Innentitel ein Farbholzschnitt von Sanin zu sehen sein (weitere schlechte Abbildungen davon kann ich gerne schicken). Das Internet hat mich in dieser Sache komplett im Stich gelassen, ich setze jetzt auf Antiquariate in der Region mit großen unsortierten und muffigen Lagern, die noch nicht vollständig digitalisiert und recherchierbar sind. Das kann in Offenbach selbst sein, aber auch Hanau, Gelnhausen, Frankfurt, Wiesbaden, Mainz, London, Timbuktu. Klingelt da bei Euch was? Ich freue mich über jeden Hinweis.

Das mal in aller „Kürze“, bei entsprechender Ressonanz kann ich gerne gelegentlich weiterplaudern und den neuesten Stand der Krafft-Schramm-Forschung darlegen (zu schweigen über die Recherchen zu Lina Ammer (Regensburg), Lina Kempter (Illertissen) und Dutzenden anderen Künstlern) und die bdh-Leser mit über Flohmärkte und durch Auktionshäuser, nach Bodenheim (ehemaliges Weingut „Krafft“) und nach Bad Soden-Salmünster (Sommersitz der Familie Krafft) und ins „Land der Hutten“ (Zitat Sanin) nach Altengronau in den Spessart schleppen.

Forts. folgt (vielleicht)…..

Kein Freihandelsabkommen mit den USA!

22. Januar 2014

Egal von welcher Seite man es betrachtet, die Aussicht auf das von der EU derzeit verhandelte Freihandelsabkommen mit der USA bereitet mir und vielen anderen Mitbürgern großes Unbehagen. Hauptbedenken sind Intransparenz und geheime Verhandlungsführung und dass von den Lobbyisten in Brüssel die Befürchtungen und Interessen der einzelnen Bürger und der Zivilgesellschaft hinter die Profitinteressen global operierende Konzerne zurückgestellt und demokratische Legitimations- und Beteiligungprozesse ausgehebelt werden (Stichworte: Investoren- vor Verbraucher- und Umweltschutz, Fracking, Gentechnik, industrielle Lebensmittel).

Ich schließe mich den Befürchtungen und Forderungen nach mehr Transparenz und Aussetzung der Verhandlungen in Zeiten der NSA- und anderen Skandale an und habe bereits den Appell unter https://www.campact.de/ttip/ unterzeichnet.