Der Wind hat ihr ein Lied erzählt

Weilbach, 23. August 2026

Wir unterschätzen oder ignorieren gerne unseren Geruchssinn. Es ist nicht mehr überlebenswichtig, anhand einer Geruchsspur und entgegen der Windrichtung eine potentielle Beute und Nahrungsquelle aufzuspüren.  Auch die Partnersuche und Fortpflanzung funktioniert dank vorher und nach nachher angewandtem Duschgel oder Deo ohne Gerüche. Und dennoch setzt ein plötzlich wahrnehmbarer Geruch starke Gelüste oder Erinnerungen in Gang, derer wir uns nicht entziehen können und wollen. Was in unserer Nase ankommt hat mehr Macht über uns als wir gemeinhin denken und wissen:  „Der Wind hat mir ein Lied erzählt…..“?  Wir haben aber lange verlernt darauf zu achten, „aus welcher Richtung der Wind weht“. Ja, sogar solche alten Sprichwörter im eigentlichen Sinn des Wortes zu verstehen.

Und was passiert? Wir radeln unvorbereitet und hilflos in das olfaktorische Hoheitsgebiet einer Landmetzgerei. Der Duft nach Räucherkammer und hessischer Fleischwurst vernebelt Sinne und Verkehrstüchtigkeit. Metzgerei Press in Weilbach. Verdammt! Jetzt kühlen Kopf bewahren, Lenker festhalten und zügig weiterfahren. Sonst… Ja, was sonst? Es ist Sonntag, das Geschäft geschlossen, nur die Duftbar zur Straße hin geöffnet. Da ist jetzt gerade keine Beute zu machen. Aber das Wasser läuft mir im Munde zusammen (noch so ein Sprichwort, dem man nachgehen sollte?), ein alter, oft gesehener Film läuft ab: Die Metzgersfrau reicht dem kleinen Wolfgang eine dicke Scheibe Wurst über die himmelhohe Ladentheke. Darauf die Mama: „Wie sagt man?“, der Bub: „Danke.“

Meiner Nase kann ich vertrauen. Der Wind hat ihr ein Lied erzählt. Wir sollten wieder mehr auf sie hören.