{"id":807,"date":"2019-07-06T07:45:46","date_gmt":"2019-07-06T07:45:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/?p=807"},"modified":"2019-07-06T08:04:42","modified_gmt":"2019-07-06T08:04:42","slug":"von-der-roten-mainquelle-abwaerts-etappe-3","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/?p=807","title":{"rendered":"Von der roten Mainquelle abw\u00e4rts (Etappe 3)"},"content":{"rendered":"<p><strong>5. Juli 2019<\/strong><\/p>\n<p>Am Morgen wie ein Schluck Wasser durch Alt-Bamberg geronnen und in einer guten Stunde die Beine zunehmend locker geschlendert. Das Vers\u00e4umnis von gestern, den ganzen Tag nichts gegessen zu haben, wird sich heute nicht wiederholen. In der 3-st\u00f6ckigen und durchg\u00e4ngig verspiegelten Drogerie M. lege ich mir ein paar Riegel zu, einer davon mit gleich &#8222;40% Protein Banane&#8220;, und eine Flasche Wasser.<\/p>\n<p>Der vorbereitende Blick auf die Landkarte zeigt, dass es heute kaum weiter gehen kann als Schweinfurt. Das sind so 60, 70 km. Danach scheinen die Streckenf\u00fchrung und die Entfernungen in die weitere Richtung Volkach, Kitzingen, Dettelbach wegen der ausufernden Mainschleifen unw\u00e4gbar, auch weist die \u00c4hb dort nur wenige und unerfreulich teure Unterk\u00fcnfte nach, oft auch noch weit abseits der Strecke. Hinter Schweinfurt w\u00e4re heute also m\u00f6glicherweise \u00e4hnliches Niemandsland wie gestern hinter Lichtenfels. Das will ich dann lieber erst morgen betreten.<\/p>\n<p>Eine weitere Sicherung gegen meinen radfahrl\u00e4ssigen Leichtsinn ist, dass ich erst sp\u00e4t am Vormittag losfahre. Ich habe also Zeit und entdecke in einem Antik-Laden neben dem Hotel den sch\u00f6nsten Farbholzschnitt der K\u00fcnstlerin Barbara Popp, den ich jemals gesehen habe. Leider lehnt die Inhaberin einen Postversand nach Frankfurt wegen der Rahmung hinter Glas ab und ausgerahmt und eingerollt mag ich das Blatt nicht auf dem Fahhrad speditieren. Wir tauschen Visitenkarten, aber das Bild bleibt hier.<\/p>\n<p>Nun ja, wenigstens f\u00fcr unbestimmte l\u00e4ngere Zeit. Um 11:20 Uhr bezahle ich vom Fahhrad herab und bereits f\u00fcr die Fahrt voll aufgetakelt, verspreche die Grafik in den n\u00e4chsten Jahren abzuholen oder abholen zu lassen und fahre los.<\/p>\n<p>Fahrt Bamberg stadtausw\u00e4rts entlang der Regnitz, gr\u00f6\u00dferer un\u00fcbersichtlicher Hafenanlagen und des zuflie\u00dfenden Mains in eine vorerst nur als richtig vermutete Richtung. Erst bei Viereth Gewissheit durch \u00fcber die Staustufe donnerndes Wasser, dass es flu\u00dfabw\u00e4rts geht. Wenig flie\u00dft hier ansonsten sichtbar und der Gegenwind kr\u00e4uselt das Wasser entgegen der Flie\u00dfrichtung. Der Main ist jetzt kein nat\u00fcrlicher Fluss mehr, sondern eine endlose Kette schmaler, daf\u00fcr um so l\u00e4ngerer Staubecken, schiffbar und reguliert. Er sieht jetzt schon so aus wie an jeder beliebigen Stelle am Unterlauf, sagen wir Wertheim, Obernburg, Gro\u00dfkrotzenburg, Okriftel.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/radtour-0015.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-large wp-image-810\" src=\"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/radtour-0015-1024x575.jpg\" alt=\"\" width=\"720\" height=\"404\" srcset=\"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/radtour-0015-1024x575.jpg 1024w, http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/radtour-0015-300x169.jpg 300w, http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/radtour-0015-768x431.jpg 768w, http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/radtour-0015.jpg 1280w\" sizes=\"(max-width: 720px) 100vw, 720px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Daf\u00fcr ist der Radweg jetzt fast durchg\u00e4ngig eben. Erlebnisse an der Strecke beschr\u00e4nken sich auf mit Tempo 30 entgegenkommende, wie auf einem Kreidler Florett schr\u00e4gliegend die Kurve schneidende E-Biker, Herren Mitte 50 ohne Helm. Die sind schon so gefahren als sie noch das Moped hatten. Und gelegentliche Radlergruppen, die an \u00dcberg\u00e4ngen und Abzweigungen klumpen. Dann passiere ich in Eltmann ungl\u00e4ubig ein &#8222;Einkaufs &amp; Therapie-Zentrum&#8220;. Wie beneidenswert unpragmatisch man doch das Praktische mit dem N\u00fctzlichen verbinden kann. Die Schelmen sollen nur aufpassen, dass ihnen die &#8222;&amp;&#8220; und &#8222;-&#8220; nicht ausgehen, sonst geht&#8217;s ab in die Familienaufstellung mit Einkaufswagen.<\/p>\n<p>Beim ersten Anflug eines Hungergef\u00fchls lege ich unterhalb eines Sportplatzes, neben einer vom Fanclub Ostkurve des FC Sand errichteten Klein-Kapelle, in der innen bei ge\u00f6ffneter T\u00fcr Wachslichter flackern (&#8222;Bitte keine gro\u00dfen Kerzen abbrennen!&#8220;), unverz\u00fcglich unter einer m\u00e4chtigen bl\u00fchenden Linde eine Pause ein und opfere den Riegel &#8222;40% Protein Banane&#8220;. In Sand auch ein Schild, das die hiesige Region als neuen Stern am fr\u00e4nkischen Weinhimmel ausweist. Noch hat praktisch jedes Nest eine eigene Brauerei, aber das klassische Weinfranken r\u00fcckt n\u00e4her.<\/p>\n<p>Die Natur ist trotz der weitl\u00e4ufigen gr\u00fcnen Auen und gro\u00dfer Gruppen von Nilg\u00e4nsen deutlich sparsamer als an den Vortagen, deutlich von Landwirtschaft gepr\u00e4gt oder als Freizeitgel\u00e4nde gestaltet (&#8222;Liegenverleih&#8220;). Ein Storch und ein Reiher fliegen vorbei. Es gibt au\u00dferdem augenscheinlich unterhalb Bamberg heuer reichlich Haseln\u00fcsse, die bereits in voller Gr\u00f6\u00dfe, aber noch hell an den B\u00fcschen h\u00e4ngen. Und immer wieder verhutzelte S\u00fc\u00dfkirschen, die niemand geernet hat, an den B\u00e4umen h\u00e4ngen oder zu dunkelroten Flecken auf dem Asphalt ausgewalzt sind. Von den noch nicht abgem\u00e4hten reifen Getreidefeldern und trockenen Wiesen liegt der typische Staub in der Luft, der Mund und Rachen trocken belegt. Roggen und Gerste. Der Mais ist allerdings noch saftig gr\u00fcn. Die D\u00f6rfer werden eint\u00f6niger, nicht mehr so gem\u00e4chlich wie im bayreuthischen Oberfranken. Die Wiesen gehen nicht mehr bis an die Haussockel. Dort sind jetzt Lichtsch\u00e4chte und Kiesel an den Bungalows, hinter den J\u00e4gerz\u00e4unen dominiert der kultivierte Rasen mit Kurzhaarschnitt. Der Radweg entlang der Eisenbahn ist typisch ges\u00e4umt von Disteln, Brennesseln, gelben Gr\u00e4sern und meterhoch aufgeschossenem Sauerampfer, dessen bereits etwas ledrige Bl\u00e4tter aber immer noch lecker schmecken.<\/p>\n<p>Kurz vor Ha\u00dffurt ein Sportflughafen, ein Kleinflugzeug, das sehr an einen Messerschmidt-Kabinenroller mit Fl\u00fcgeln und angeklebtem Schwanz erinnert, hebt ab und schwebt davon. Im Ort dann nach knapp 40 km um 14:00 Uhr Pause im Eiscafe:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/radtour-0016.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-large wp-image-811\" src=\"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/radtour-0016-1024x822.jpg\" alt=\"\" width=\"720\" height=\"578\" srcset=\"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/radtour-0016-1024x822.jpg 1024w, http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/radtour-0016-300x241.jpg 300w, http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/radtour-0016-768x616.jpg 768w, http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/radtour-0016.jpg 1280w\" sizes=\"(max-width: 720px) 100vw, 720px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Noch 23 km bis Schweinfurt. Das passt f\u00fcr heute, weiter werde ich nicht fahren.<\/p>\n<p>Dann rollt und rollt es wieder dahin, Minute f\u00fcr Minute, Kilometer f\u00fcr Kilometer. Reichlich Zeit f\u00fcr innere Gespr\u00e4che, Monologe, Diskurse. Neben \u00dcberlegungen zur Streckenf\u00fchrung und der Tageseinteilung und ob ich nicht zuviel Gep\u00e4ck dabei habe, gibt es die beiden traditionell dominanten und auf jeder l\u00e4ngeren Radreisen wiederkehrenden Themen &#8222;Kann der Mensch auf dem Rad eigentlich auch einfach etwas langsamer und nur spazieren fahren?&#8220; und &#8222;Warum tue ich mir das an?&#8220;. Das erste Thema war gestern schon unter dem Stichwort &#8222;Hamstertyp&#8220; auf der Agenda und ist m\u00fcssig. Nat\u00fcrlich kann man langsamer fahren, es liegt mir aber aus verschiedenen Gr\u00fcnde nicht. Sportler werden das kennen: es muss ein Ma\u00df Zug und Dynamik auf der Sache sein, damit es gleichm\u00e4\u00dfig rund l\u00e4uft. Einfach eine Mentalit\u00e4tsfrage.<\/p>\n<p>Das zweite Thema ist damit verbunden und f\u00fcr mich zu schnell beantwortet mit &#8222;Ich will mir etwas beweisen&#8220; (das Alibi &#8222;sch\u00f6ne Landschaften entdecken&#8220; lassen wir gleich beiseite). Ich w\u00fcrde es lieber nicht &#8222;beweisen&#8220; nennen, sondern &#8222;Gewissheit erlangen&#8220;, und zwar \u00fcber mich selbst. In Zeiten, in denen alle nat\u00fcrlichen Ma\u00dfst\u00e4be verloren gegangen sind, in denen man von Flugzeug, Auto, Bahn und \u00d6ffentlichem Nahverkehr anstrengungslos und wie selbstverst\u00e4ndlich an jeden beliebigen Ort der Welt verfrachtet wird, in Zeiten, in denen Hausfrauen auf dem Dorf 200 m mit dem Auto zum B\u00e4cker fahren, andernfalls sie ersch\u00f6pft schon auf halber Strecke vor dem Metzger zu Boden st\u00fcrzen drohen, in solchen Zeiten brauche ich wiederkehrende Gewissheit, was ich nur allein mit eigener Kraft zustande bringen kann. Oder so \u00e4hnlich.<\/p>\n<p>Schon bald vor den Toren Schweinfurts angekommen wuchert das Thema noch etwas aus: Die gro\u00dfen Heldentaten der Menschheitsgeschichte waren nicht die Mondladung und die sibirische Eisenbahn, sondern die Handelsreisen zu Fu\u00df der fr\u00fchen Neuzeit zwischen Irland und dem Nahen Osten. Tausch von Bernstein gegen Metall auf jahrelangen Unternehmungen, die man schwerlich mehr als einmal im Leben machen konnte, wenn man denn \u00fcberhaupt den gleichen Weg ein zweites Mal gefunden h\u00e4tte. Die Himmelsscheibe von Nebra ein komplexeres Wunder als ein Atomkraftwerk?<\/p>\n<p>Noch rechtzeitig bevor es pathetisch wird beendet die jetzt immer lockerer werdende Lenkerstange alle Kopfreflexmassagen und verlangt nach einem Inbusschl\u00fcssel. Jetzt zahlt sich das mitgenommene schwere Werkzeug aus. Alles dabei, nur nicht dieser Schl\u00fcssel. Wer sich jetzt nicht \u00e4rgert ist ist ein Buddha oder Operettens\u00e4nger: &#8222;Immer nur L\u00e4cheln &#8230;..&#8220;.<\/p>\n<p>Schweinfurt gegen 17:00 Uhr, die Stadt taucht aus dem Nichts auf als der vollst\u00e4ndig meterhoch wie ein Tunnel gr\u00fcn verwucherte Rad pl\u00f6tzlich auf einen normalen Gehweg m\u00fcndet. Viel Gr\u00fcn am Ufer, mehrere Mainarme, Auen, Teiche, Schw\u00e4ne, Enten, eine kleine Altstadt. Harmlos, freundlich.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/radtour-0017.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-large wp-image-812\" src=\"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/radtour-0017-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"720\" height=\"540\" srcset=\"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/radtour-0017.jpg 1024w, http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/radtour-0017-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/radtour-0017-768x576.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 720px) 100vw, 720px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Zahlen des Tages<br \/>\n<strong>Was der Tacho spricht<\/strong><\/p>\n<p>Tagesstrecke: 63,3 km<br \/>\nFahrzeit (ohne Pausen): 3:54 Stunden<br \/>\nDurchschnittsgeschwindigkeit: 16,23 km\/h<br \/>\nMaximale Geschwindigkeit: 36,57 km\/h<br \/>\nKalorien: 665<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>5. 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In der<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/807"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=807"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/807\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":809,"href":"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/807\/revisions\/809"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=807"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=807"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=807"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}