{"id":639,"date":"2015-06-28T03:24:52","date_gmt":"2015-06-28T03:24:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/?p=639"},"modified":"2018-05-25T16:16:19","modified_gmt":"2018-05-25T16:16:19","slug":"tag-17-osijek-aljmas-osijek-mohacs","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/?p=639","title":{"rendered":"Tag 17 &#8211; Osijek &#8211; Aljmas &#8211; Osijek &#8211; Moh\u00e1cs"},"content":{"rendered":"<p>Samstag, 27. Juni 2015<\/p>\n<p><strong>Der Plan<\/strong><\/p>\n<p>Von Osijek nach Aljmas an der M\u00fcndung der Drau in die Donau, zur\u00fcck nach Osijek, danach in Richtung ungarische Grenze bei Udvar, wenn m\u00f6glich durch bis Moh\u00e1cs<\/p>\n<p><strong>Wie es war, was geschah<\/strong><\/p>\n<p>Heute kann ich einmal einen Teil des Tages ohne Gep\u00e4ck fahren. Von Osijek sind es an die M\u00fcndung der Drau um die 30 Kilometer, die muss ich wieder zur\u00fcck radeln, \u00a0um dann in Richtung Norden gen Ungarn zu radeln und dann dort morgen am fr\u00fchen Nachmittag die Reise zu beenden.<\/p>\n<p>Die Fahrt nach Aljmas zieht sich l\u00e4nger als gedacht. Es geht durch die Ausl\u00e4ufer von Osijek, Industriegebiete, endlos \u00fcber eine breite, staubige Stra\u00dfe geradeaus nach Osten, fast bis Erdut, wo es eine Donaubr\u00fccke und einen Grenz\u00fcbergang nach Serbien gibt. Auf dem ersten St\u00fcck nimmt die Stra\u00dfe auch noch den Verkehr ins s\u00fcdlich gelegene Vukovar auf. Der Idee nach kommt heute einer der H\u00f6hepunkte der Reise: nachdem ich die Quellen der Drau in den Dolomiten gesehen habe und ihr ihren gesamten Verlauf gefolgt bin,\u00a0will ich heute an der Stelle stehen, an der sie in der Donau aufgeht. Aber das muss ich mir erst in einer anstrengenden, eher freudlosen Anreise \u00fcber diese Stra\u00dfe hier erk\u00e4mpfen und &#8211; das sei vorweggenommen &#8211; mir r\u00fcckw\u00e4rts noch einmal antun.<\/p>\n<p>In Aljmas einmal angekommen, ist dann doch alles anders: zum zweiten Mal nach Donauw\u00f6rth sehe ich die Donau wieder, die immens angewachsen ist. Von einer stattlichen Anh\u00f6he \u00fcber Aljmas mit wunderbarem Ausblick aus wird auch zum ersten Mal f\u00fcr mich sichtbar, worin das einmalige dieser Donau-Drau-Mur-Nationalparks liegt. Der vielleicht 200 Meter breite Hauptstrom geht weich in die Ufer \u00fcber, flache Lehm- und Sandb\u00e4nke, B\u00e4ume scheinen direkt im Wasser zu stehen. Und man\u00a0 sieht, dass es mit dem Fluss verbundene verschachtelte Teiche und\u00a0Nebenl\u00e4ufe jenseits der Uferlinie gibt. Irgendwie wirkt alles ein wenig wie eine Mangroven-Landschaft, etwas, was mir in dieser Form in Europa noch nie begegnet ist.<\/p>\n<p>Aljmas selbst liegt am Hang der erw\u00e4hnten Anh\u00f6he zur Donau hin, ist heute verschlafen und ist wohl ohnehin mehr eine Art Wochenendsiedlung, allerdings im Ortskern mit festen gr\u00f6\u00dferen H\u00e4usern, dazu einigen Restaurants, und eine auff\u00e4llige, gr\u00f6\u00dfere, moderne Kirche. Aljmas ist ein bedeutender Marienwallfahrtsort.<\/p>\n<p>Von der\u00a0Drau weder am\u00a0Donauufer\u00a0noch von der Anh\u00f6he aus irgend eine Spur. Laut Karte liegt die M\u00fcndung auch ein paar Kilometer n\u00f6rdlich mitten im gr\u00fcnen Dschungel.\u00a0\u00a0Nach einigem Fragen und Suchen finde ich einen schmalen Weg, der \u00fcber Schotter\u00a0und blanken Lehm mitten\u00a0durch den Urwald geht.<\/p>\n<p>Und jetzt meine ich Urwald: links und rechts des Weges oft kein Festland mehr, sondern Wasserfl\u00e4chen, Teiche, die B\u00e4ume stehen mitten drin, es ist hell, aber doch schattig, tausend Farbnuancen\u00a0von gr\u00fcn,\u00a0braun, beige, gelb, ocker. Alles geht ineinander \u00fcber, verschwimmt. Auf dem Wasser Blasen, Pflanzenreste, Algen, Schaum. \u00dcberraschend die Akustik dieser Auen:\u00a0 von weit her deutlich und laut Vogelrufe. Es zirpt und quackt. Tiere sind aber nicht zu sehen. Lediglich ein auff\u00e4llig bunter Frosch, eine Art die ich nie\u00a0gesehen zu haben meine, l\u00e4sst\u00a0sich vom Rad\u00a0vom Weg scheuchen und h\u00fcpft in den Randstreifen. Ich z\u00fccke die Kamera und ziele auf die Stelle, zu der er geh\u00fcpft ist. Es ist wie verflixt, ich sehe ihn\u00a0nicht mehr, er ist in dieser Umgebung praktisch unsichtbar. Mehrmals scheuche ich ihn auf, weil ich ihn mit dem Fu\u00df fast ber\u00fchre, aber ich sehe immer nur eine schnelle Bewegung und an deren Ende zitterndes Gras, aber nie den Frosch. Er ist weg. Ein\u00a0 wenig langsamer ist eine etwa einen Meter lange, sehr schlanke dunkle, fast schwarze\u00a0Schlange, aber auch sie ist weg bevor ich die Kamera fertig gemacht habe. Ich bin auch etwas vorsichtig, weil ich eine Ringelnatter ausschlie\u00dfe, aber nicht wei\u00df was es sein k\u00f6nnte. Im Nachhinein vermute ich am ehesten eine dunkle Abart der \u00c4skulapnatter, einer Schlange die ich\u00a0bei unserem Dorf im s\u00fcdlichen Ungarn \u00fcberraschend oft antreffe, aber hier kann ich nur raten.<\/p>\n<p>Von dieser\u00a0Landschaft bin\u00a0so eingenommen, dass ich eine andere\u00a0Tierart vollkommen \u00fcbersehen und ignoriert habe. Aber die meldet sich nun von selbst umso nachdr\u00fccklicher: M\u00fccken, Schnaken, Gelsen, Moskitos. Den Viechern ist egal wie ich sie nenne, sie sitzen zu stets zu mehreren Dutzenden auf mir rum und\u00a0versuchen, auch durch Fahrradhandschuhe, Sweatshirt und Hosenbeine zu stechen.<\/p>\n<p>Nach 20 Minuten lichtet sich der Wald, ich fahre geradewegs auf die Drau zu, die von links in einem sanften Bogen entgegenkommt, die Donau liegt rechts. Jetzt einen Hubschrauber, das w\u00e4r&#8217;s, spektakul\u00e4re Bilder von oben wie das unterschiedliche gef\u00e4rbte Wasser ineinander flie\u00dft und ineinander aufgeht. So habe ich das zu Hause auf Satellitenfotos gesehen. Hier sehe ich es nicht. Alles ist flach, das Wasser spiegelt, ich stehe zu tief. Es ist sogar schwierig aus dieser Perspektive den Zusammenfluss so zu fotografieren, dass er auf den Fotos gut zu erkennen ist. Ich steige irgendwo eine kleine B\u00f6schung hinaus, aber das nutzt kaum etwas.<\/p>\n<p>Wenigstens bugsiere ich mein Rad \u00fcber einen wackligen schmalen Steg auf einen schwimmenden Anleger f\u00fcr Boote und inszeniere ein wenig den f\u00fcr die Reise so bedeutsamen Augenblick. Vor Ort wird es aber nie richtig pathetisch feierlich oder euphorisch, das sind allein schon die M\u00fccken davor.\u00a0 Au\u00dferdem muss ich ja noch zur\u00fcck nach Osijek und danach will m\u00f6glichst noch ein richtig fettes St\u00fcck in Richtung Ungarn fahren, um morgen sicher die Reise endg\u00fcltig abschlie\u00dfen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dennoch nehme ich mir noch ein weitere halbe Stunde und fahre die kleine Siedlung aus einfachen Holzh\u00fctten und verbauten Wohnwagen ab, die sich von der M\u00fcndung die Drau aufw\u00e4rts knapp 2 Kilometer das Ufer entlang zieht. Das hat nun endg\u00fcltig Urwaldflair und Aljmas ist eine zivilisierte Stadt. Ich treffe Angler, Kinder, Angeh\u00f6rige in zerschlissener Camouflage, die wortkarg etwas reparieren und zusammenh\u00e4mmern, ein H\u00e4ngebauchschwein frisst mit ein paar Hunden an einem Haufen Abfall herum, auf einem Tisch unter einem einfachen Unterstand steht verlassen das Mittagsmahl der Fischer: eine angebrochene Falsche hausgebrannter Schnaps, dazu leere Gl\u00e4ser. Das ist eine abgeschiedene eigene Welt. Hier k\u00f6nnte es sogar\u00a0eigene Gesetzte geben. Die Marienwallfahrer in Aljmas werden keine Ahnung haben.<\/p>\n<p>Ich lasse mich noch von einer freundlichen jungen Frau, die zum Wochenende hier ist, wie wir mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen und dem universellen Begriff &#8222;weekend&#8220; herausbringen, mit der Drau, mit der Donau und der Drau und der Donau sowie nat\u00fcrlich immer mit dem Rad ablichten. Auf die M\u00fccken angesprochen &#8211; ich summe mit dem Finger in die Luft und zwicke mich dann in den Arm &#8211; wedelt sie mit der Hand und sagt: &#8222;ujuijuijuijui&#8220;.<\/p>\n<p>Es ist Zeit, es ist hei\u00df, hier ist f\u00fcr den Moment nichts mehr zu tun. Ich gurke zur\u00fcck \u00fcber die ratterige Piste durch den Wald nach Aljmas und mache mich auf den R\u00fcckweg nach Osijek, der mir trotz gleicher Entfernung etwas k\u00fcrzer vorkommt. Da sind schon 65 km auf dem Tacho f\u00fcr heute.<\/p>\n<p>Im Hotel Drava, wo ich mein Gep\u00e4ck zur\u00fcckgelassen hatte, trinke ich noch einen Kaffee und plaudere kurz mit der Rezeptionistin, der ich am Morgen die Adresse meines Blogs\u00a0gegeben hatte. Au\u00dferdem feiert die kleine Mia mit gro\u00dfer Verwandtschaft ihren vierten Geburtstag, ich singe\u00a0&#8222;Happy birthday, liebe Mia&#8220; und darf den rosa Roller, einen rosa Ball, einen rosa Luftballon, die rosa Spielekiste und das aufblasbare rosa Minischwimmbecken bewundern. Der Papa googlet mir das Wetter und ich \u00fcberquere gegen 14.30 Uhr auf einer schneewei\u00dfen Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke in Osijek zum letzten Mal die Drau in Richtung Norden.<\/p>\n<p>\u00dcber Beli Manastir und Udvar schlage ich mich \u00fcber weitere 60 km ganz durch \u00fcber die Grenze bis Moh\u00e1cs, bin fix und alle, aber auch zufrieden und beruhigt. Morgen wird es definitiv vorbei sein.<\/p>\n<p>Abends noch ein Spaziergang durch das beschauliche, verschlafene Moh\u00e1cs, eine Stadt, die ohnehin nur an ein paar Tagen im Jahr f\u00fcr einen weithin bekannten archaischen Maskenkarneval erwacht. Und ansonsten haupts\u00e4chlich den Namen hergibt f\u00fcr die so folgenreiche &#8222;Schlacht bei Moh\u00e1cs&#8220; im Jahr 1526. H\u00e4tten die Osmanen damals nicht die ungarisch-kroatischen Truppen unter F\u00fchrung des 20-j\u00e4hrigen dem K\u00f6nig Ludwig, der auf der Flucht vom Pferd fiel und verstarb, vernichtend geschlagen, w\u00e4ren &#8222;die T\u00fcrken&#8220; 160 Jahre sp\u00e4ter nicht schon wieder vor Wien gestanden. Und Prinz Eugen w\u00e4re eher eine Randfigur der Geschichte geblieben.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Ungarn steht Moh\u00e1cs jedenfalls f\u00fcr\u00a0DAS nationale\u00a0Trauma, \u00a0als Synonym f\u00fcr den Beginn einer in der ungarischen Geschichtsschreibung und im kollektiven Bewusstseins als verh\u00e4ngnisvoll und erniedrigend empfundenen 160-j\u00e4hrigen Besatzung durch das osmanische Reich. Objektive Geschichtsschreibung ist aber nicht so ganz die Sache dieser Nation. Die Osmanen bauten f\u00fcr sich durchaus Moscheen, gew\u00e4hrten aber auch Religionsfreiheit. Jenseits der Eroberungskriege war der Alltag im Land weitgehend friedlich geregelt, sofern die Abgaben korrekt entrichtet wurden. B\u00f6se Zungen behaupten sogar, dass dieser 160-j\u00e4hrgen osmanischen Besatzung weniger Ungarn zum Opfer fielen als der \u00f6sterreichischen Geheimpolizei in der langen Zeit der Koexistenz der ungarischen und der \u00f6sterreichischen Monarchien und insbesondere den verschiedenen gegen Wien gerichteten Aufst\u00e4nden, einschlie\u00dflich der\u00a0 1848-er Erhebung.<\/p>\n<p>Wie auch immer, die Gedenkst\u00e4tte an die 1628er Schlacht\u00a0in der N\u00e4he von Moh\u00e1cs ist ein nationales ungarisches Heiligtum und dar\u00fcber hinaus beeindruckend gestaltet. Dramaturgie und\u00a0Inszenierung k\u00f6nnen sie ja ziemlich gut, meine ungarischen Achtelbr\u00fcder. Nicht uninteressant vielleicht noch zu erw\u00e4hnen, dass es noch eine ganze Reihe weiterer Gedenkst\u00e4tten an die osmanische Zeit\u00a0 in Ungarn gibt und diese teilweise von der t\u00fcrkischen Regierung mitfinanziert wurden. Die meisten Schrifttafeln sind zweisprachig in ungarisch und t\u00fcrkisch gehalten. Und nicht nur ein osmanischer Sultan liegt noch heute in Ungarn zur letzten Ruhe.<\/p>\n<p>Wenn es auch heute f\u00fcr\u00a0mich auf dieser Reise \u00fcberhaupt keine Rolle spielt, so musste dies doch wenigstens kurz angerissen werden. Moh\u00e1cs ist Moh\u00e1cs. Unter anderem gibt es deswegen hier \u00fcberhaupt ein paar Hotels. Nach einer sehr m\u00e4\u00dfigen Pizza falle ich im Hotel Pannon nach diesem anstrengenden Tag sofort in einen Tiefschlaf, fast wie in eine Narkose.<\/p>\n<p><strong>Die Zahlen<\/strong><\/p>\n<p>Tageskilometer Rad: 122,9 (in zwei Teilen)<br \/>\nFahrzeit netto: 7:41 Stunden<br \/>\nGesamtkilometer: 1.418,5<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Samstag, 27. 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