{"id":512,"date":"2015-06-23T06:06:18","date_gmt":"2015-06-23T06:06:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/?p=512"},"modified":"2018-05-25T16:38:50","modified_gmt":"2018-05-25T16:38:50","slug":"tag-13-vuhred-bis","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/?p=512","title":{"rendered":"Tag 13 &#8211; Von Vuhred nach Maribor"},"content":{"rendered":"<p>Dienstag, 23. Juni 2015<\/p>\n<p><strong>Der Plan<\/strong><\/p>\n<p>Mittags in Maribor die letzten Berge \u00fcberwunden haben und dann im Flachland durchstarten<\/p>\n<p><strong>Wie es war, was geschah<\/strong><\/p>\n<p>Vuhred, 8.00 Uhr<\/p>\n<p>Die K\u00fccherin hat mich mit Spiegeleiern versorgt, ich bin wild entschlossen, die n\u00e4chsten 47 km mit Anstand und nach der Pustertalmethode (&#8222;man kann immer noch langsamer fahren als man es sich irgendwie vorstellen kann&#8220;) hinter mich zu bringen.<\/p>\n<p>Maribor, 13.10 Uhr<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist dann wieder alles ganz anders gekommen als gedacht. Und den Frosch, der man nicht sein soll, gebe ich heute mit gro\u00dfem Vergn\u00fcgen. Mir sind durch die F\u00fcgungen des Wetters ein paar Strapazen erspart geblieben, ein freier Tag wurde geschenkt.<\/p>\n<p>Zum dritten Mal in meinem Leben bin ich nun also in Maribor NICHT mit dem Fahrrad eingerollt.<br \/>\nAn das erste Mal erinnere ich kaum noch. Es war wohl mehr eine Durchfahrt, auf der R\u00fcckreise von der damals noch jugoslawischen Adria bei Split, aus Togrir, auf dem Weg nach Frankfurt, irgendwann in den Siebzigern. Ein guter Freund und ich, waren unterwegs mit einem durchgerosteten R4 mit defektem Fahrersitz und wenig Bremsen. Im Kofferraum, in einer vor Ort gekauften Korbflasche, 30 Liter eines Rotweins, der uns dort unten so gut geschmeckt hatte, und den zu Hause nat\u00fcrlich niemand mehr trinken wollte. Auch das f\u00e4llt mir heute zu Maribor ein.<\/p>\n<p>Das zweite mal war ich hier im vergangenen Herbst zusammen mit meiner Frau. Wir waren ebenfalls nur auf der Durchreise und machten hier eine l\u00e4ngere Fahrpause auf unserer Fahrt von Frankfurt nach Mucsi (sic!), die wir Abstechern an den W\u00f6rthersee, nach Ljubljana und eben auch nach Maribor verbunden haben.<\/p>\n<figure id=\"attachment_522\" aria-describedby=\"caption-attachment-522\" style=\"width: 225px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/3324.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-522 size-medium\" src=\"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/3324-225x300.jpg\" alt=\"3324\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/3324-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/3324.jpg 750w\" sizes=\"(max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-522\" class=\"wp-caption-text\">Vuhred, 9.30 Uhr<\/figcaption><\/figure>\n<p>Heute nun bin ich mit der Eisenbahn gekommen. Denn kaum habe ich den letzten Punkt hinter die Notiz oben gesetzt und mich vom Fr\u00fchst\u00fcckstisch erhoben, setzt &#8211; ich habe den Fu\u00df schon auf dem Pedal &#8211; der gro\u00dfe Regen ein. Ich nehme das anfangs nicht so ernst und rechne mit einer Verz\u00f6gerung der Abfahrt um ein, zwei Stunden. Nach einer Weile werde ich doch etwas nerv\u00f6s und befrage das www-Orakel. Die Auskunft ist niederschmetternd: Regen am Vormittag, noch mehr Regen am Nachmittag, Regen auch in der ganzen folgenden Nacht. Hier in Vuhred, aber auch in Maribor. Erst morgen soll es anhaltend besser werden.<\/p>\n<p>Was jetzt? Mir ist nicht nach einer Schlammschlacht auf einer Radstrecke, von der ich ohnehin nichts Gutes erwarte, aber noch viel weniger habe ich Lust auf eine weitere Nacht in der Penzion Markac. Und ich bin ohne jedes Bargeld, nachdem ich verpennt habe, mir unterwegs welches zu besorgen, mir Markac eine \u00fcberaus \u00fcppige Rechnung f\u00fcr das Abendessen aufgestellt hat, aber keine Karten akzeptiert. Dumm gelaufen, ich sitze in der Falle. Ein Automat soll im n\u00e4chsten Dorf in der Richtung sein, aus der ich gestern gekommen bin. Dorthin durch den str\u00f6menden Regen, mit Gep\u00e4ck, ohne Gep\u00e4ck, zur\u00fcck, anders weiter?<\/p>\n<p>9.30 Uhr, die K\u00fccherin schaut mit bedauerndem L\u00e4cheln und erhobenen Armen an die Decke und \u00fcberweist mich in die Post um die Ecke. Dort kann ich zwar kein Geld &#8222;aufnehmen&#8220;, aber mein Hirn meldet sich und teilt mit, dass ich gestern schon seit Dravograd und bis hierher neben, \u00fcber, unter einer Bahnlinie gefahren bin. Die Postmannschaft sagt zu meiner Erleichterung, dass es einen durchg\u00e4ngigen Zug nach Maribor gibt und recherchiert die n\u00e4chste Abfahrt im Internet: 9.58 Uhr, noch 20 Minuten, die n\u00e4chste Bahn geht 5 Stunden sp\u00e4ter. Ich nehme die Beine in die Hand und sammle in der Pension meine Sachen ein. Jetzt nur in der Hektik nichts vergessen. Die K\u00fccherin malt auf den gleichen l\u00e4nglichen Kellnerblock, auf dem schon die vermaledeite Essensrechnung entstanden ist, ein paar Striche: &#8222;ein stras, zwei stras, banhof.&#8220; Minuten sp\u00e4ter bin ich da, es gibt einen besetzten Fahrkartenschalter, selbstverst\u00e4ndlich mit maestro-Symbol, meine allerletzte Sorge bin ich damit also auch los. Der Zug kommt in wenigen Minuten, der Schaffner hilft mir, das Rad mit aufgeschnalltem Gep\u00e4ck fast einen Meter hoch in den Zug zu wuchten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_525\" aria-describedby=\"caption-attachment-525\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/3327.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-525\" src=\"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/3327-300x225.jpg\" alt=\"Drau, Drauregen, Zugfenster\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/3327-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/3327.jpg 1000w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-525\" class=\"wp-caption-text\">Drau, Drauregen, Zugfenster<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Bahnreise hinter beschlagenen Fenstern im geheizten Zug durch das enge, tiefgr\u00fcne, wie ein Dschungel dampfende Tal der Drau werde ich nicht vergessen. Zum tr\u00fcben Wetter passend wird mir beinahe etwas sentimental. Schon seit einigen Tagen gehen mir ein paar Zeilen aus einem Ringelnatz-Gedicht, das mich schon an die 20 Jahre begleitet, nicht mehr aus dem Kopf:<\/p>\n<p>&#8222;Vorbei &#8211; verj\u00e4hrt &#8211;<br \/>\ndoch nimmer vergessen.<br \/>\nIch reise.<br \/>\nAlles, was lange w\u00e4hrt,<br \/>\nist leise.&#8220;<\/p>\n<p>Das ist nat\u00fcrlich aus dem Kontext gerissen und unterschl\u00e4gt nicht nur die beiden genialen Anfangszeilen &#8222;Ich habe Dich so lieb, ich k\u00f6nnte Dir ohne Bedenken, eine Kachel aus meinem Ofen schenken.&#8220; Aber die Reisezeilen haben mich immer besonders ber\u00fchrt. Sind alle Reisenden entweder sentimental und wenn nicht, dann im Gegenteil euphorisch? Oder kann man beides gleichzeitig sein? Gleich, wer emotionslos reist, soll jedenfalls besser gleich zu Hause bleiben. Und ist es nicht so, dass das Reisen, die Bewegung, die Begegnung, das richtige Leben ist, das Verweilen an einem Ort nutzlos stillstehende Zeit? Die jahrzehntelange Arbeit in immer der gleichen Firma der happige Preis daf\u00fcr, dass wir uns zeitweise frei und davon machen k\u00f6nnen? Nat\u00fcrlich ist das nicht die ganze Wahrheit. Man kann auch ohne sich fortzubewegen reisen. Nicht nur im \u00fcbertragenen Sinne ist auch Schreiben, Komponieren, Malen und manche andere Besch\u00e4ftigung &#8211; darunter das Kochen &#8211; eine Reise in unbekannte Gebiete.<\/p>\n<figure id=\"attachment_526\" aria-describedby=\"caption-attachment-526\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/3334.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-526\" src=\"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/3334-300x225.jpg\" alt=\"Maribor am Nachmittag\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/3334-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/3334.jpg 1000w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-526\" class=\"wp-caption-text\">Maribor am Nachmittag<\/figcaption><\/figure>\n<p>Warum nur f\u00e4llt mir kurz vor Maribor eine Lebensweisheit meines Freundes Lui, dem14.8., aus dem Jahr neunzehnhunderthaumichtot ein: &#8222;Gedanken sind die Grimassen der Psyche.&#8220;? Um 11.05 Uhr verlasse ich wie frisch gebeichtet und mit Absolution versehen den Zug. Das Hotel Piramida empf\u00e4ngt mich sinnigerweise mit einem Sinnspruch an der Wand hinter dem Rezeptionisten: &#8222;The world is a book, those who do not travel read only one page.&#8220; Schon immer habe ich gewusst, dass auch noch in der letzten Plattit\u00fcde wenigsten eine Wahrheit steckt.<\/p>\n<p>Den Rest des angebrochenen Tages verprivatisiere ich jetzt entspannt in Maribor. Morgen geht es weiter.<\/p>\n<p><strong>Die Zahlen<\/strong><\/p>\n<p>Tageskilometer: 0<br \/>\nGesamtkilometer: 917<br \/>\nFahrzeit Rad heute: 0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dienstag, 23. 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