{"id":252,"date":"2015-06-17T18:49:11","date_gmt":"2015-06-17T18:49:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/?p=252"},"modified":"2018-05-25T16:41:03","modified_gmt":"2018-05-25T16:41:03","slug":"tag-7-lengries-nach-muehlbach-pustertal","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/?p=252","title":{"rendered":"Tag 7 &#8211; Von Lenggries nach M\u00fchlbach\/Pustertal"},"content":{"rendered":"<p>Mittwoch, 17. Juni 2015<br \/>\n<strong><br \/>\nDer <\/strong><strong>Plan<\/strong><\/p>\n<p>50 km mit dem Rad von Lenggries nach Mittenwald, Bahn nach Innsbruck, S-Bahn auf den Brenner, Rad soweit die F\u00fc\u00dfe tragen in Richtung S\u00fcden<br \/>\n<strong><br \/>\nWie es war, was geschah<\/strong><\/p>\n<p>\u201eDer gro\u00dfe Sprung\u201c, der Tag der bisherigen Tage, die gr\u00f6\u00dfte Mogelpackung, was das Sportliche angeht, aber mit grandiosen Erlebnissen. Angekommen s\u00fcdlich der Alpen, die Drauquellen in Schlagweite. Ein Tag gut f\u00fcr 3 Tage, an dem es abends schwer f\u00e4llt, sich noch im Detail an die ersten beiden Teile zu erinnern. Hier der Versuch (Fotos in einem zweiten, separaten Beitrag, da das Einf\u00fcgen in den Text nervt und Formatierungsprobleme verursacht):<\/p>\n<p><strong>Lenggries \u2013 Mittenwald<\/strong><\/p>\n<p>Abfahrt 7.50 Uhr, nach einem Fr\u00fchst\u00fcck unter s\u00fcdtiroler und salzburger Montagearbeitern, die weit voneinander sitzen und kein Wort miteinander reden. Die Tiroler schalten demonstrativ auf gutturales Italienisch. Fahrrad mit Handfeger von den Relikten Gr\u00fcnwalder und T\u00f6lzer Schlamms befreit. Es ist frisch, ich lege die Beinlinge und einen \u00dcberwurf an.<\/p>\n<p>Der Weg geht entlang der Isar, ein paar Meter \u00fcber Split, schnell aber auf eine asphaltierte Piste parallel zu einer Autostra\u00dfe. Fast immer auf Flussniveau. Es ist alles etwas verhangen, erst zu Mittag wird es in Mittenwald zum ersten Mal richtig sonnig sein. Immer wieder Blicke auf ein engeres, mal breiteres, v\u00f6llig planes Kiesflussbett, in dem sich die Isar je nach Wasserstand und Jahreszeit einen immer neuen Weg sucht. Die angrenzenden Berge mal nah, mal weiter, mal steiler, mal flacher. Die Felsgipfel des Werdenfelser Landes sind zu erahnen, aber nie zu sehen. Meine weitere Route einschlie\u00dflich der Bahnfahrt wird mich stundenlang um die Zugspitze f\u00fchren, die ich aber nicht einmal zu sehen kriegen werde. Links und rechts Wiesen und lichte Fichtenw\u00e4lder, brusthohes tropfnasses Gras, viele auff\u00e4llige Bl\u00fcten, gelb, purpur, rosa, von denen ich die Namen der Pflanzen gerne w\u00fcsste.<\/p>\n<p>Nach einem gr\u00f6\u00dferen Stausee (Sylvensteinsee) ist die regul\u00e4re Autostra\u00dfe bei Vorderriss zu Ende, es gibt nur noch eine einspurige Mautstra\u00dfe, auf der wenig Verkehr ist und die von mir und vor allem von Menschen mit Leihr\u00e4dern \u2013 \u201eEuro bike\u201c \u2013 befahren wird. Vor mir pl\u00f6tzlich eine penibelst gem\u00e4hte Wiese ohne Fleckvieh und Kuhdung, aber mit F\u00e4hnchen und Caddies. Das mir neue magische Wort hei\u00dft Almengolf. Und ich bin in Wallgau angelangt, das mir einen sehr noblen Eindruck macht. Ab jetzt wird es auch voll touristisch, immer pittoresker.<\/p>\n<p>In Wallgau entledige ich mich einer Altlast und schicke mein altes Tablet mit der Post auf die Heimreise. Nach weiteren 30 Minuten gr\u00fc\u00dft Mittenwald zun\u00e4chst wenig spektakul\u00e4r mit Bundeswehrwohnbl\u00f6cken und einer humorlos begradigten Isar. Erst in der Dorfmitte l\u00e4sst es die H\u00fcllen fallen und zeugt seine touristischen Reize: gemalte H\u00e4user und jetzt vor allem Sonne und noch mal Sonne, die aber die Wolken um die Zugspitze immer noch nicht vertreibt. Au\u00dferdem ist Mittenwald eine Art Freiluft-Alten-und-Pflegeheim passenderweise mit einer Filiale der Drogerie M\u00fcller, die mich mit Schokolade und frischem Trinkwasser versorgt. Ich bin nicht sicher, ob man hier U80 \u00fcberhaupt (\u00fcberhaubt?) schon legal existenzberechtigt ist. Aber ich bin angetan und froh zu wissen, wo man sp\u00e4ter mal hin kann.<\/p>\n<p>Kurz spiele ich mit dem Gedanken, mich nun doch mit dem Rad die nur noch wenigen Kilometer nach Leutasch hochzuqu\u00e4len und damit eine Bergquerung komplett ohne Hilfsmittel zu absolvieren. Aber die Konsequenz w\u00e4re entweder den ber\u00fcchtigten Zirler Berg nach Innsbruck hinab fahren oder \u00fcber Telfs einen Umweg von 30 km durch das Inntal in Kauf nehmen zu m\u00fcssen. Aber ich bin so auf das Tagesziel S\u00fcdtirol fixiert, dass ich die Idee verwerfe und mich zum Bahnhof begebe.<\/p>\n<p><strong>Bahnfahrten von Mittenwald zum Brennerpass<\/strong><\/p>\n<p>Spektakul\u00e4r geht es los, hoch in Richtung Seefeld, wo die Bahn links um die Zugspitze ziehend bei Oberzirl den h\u00f6chsten Punkt der Strecke nach Innsbruck erreicht und langsam wieder ins Inntal absteigt. Ab hier wird mir ziemlich bl\u00fcmerant und r\u00fchrselig. Mich holen Stolz und Verwunderung ein, dass ich es mit dem Rad und ein wenig Unterst\u00fctzung der Bahn schon einmal bis hierher geschafft habe: an Orte und Panoramen, die ich Dutzende Male aus dem Auto gesehen habe, die aber auch fest mit einer Autoreise verbunden sind. Aus dem Zug sehe ich wie aus dem Flugzeug unter mir das breite Inntal, den Innsbrucker Flughafen, den Bergisel, die Sprungschanze, wei\u00df auch wo trotz der Wolken die Stubaier sind, die Serlesspitze \u2013 einer meiner Lieblingshinguckberge seit Skiferien in Steinach am Brenner, mit Himalaya-Franzl als Skilehrer \u2013 wo es hinauf zum Brenner geht. Ich sitze im Zug und bin \u00fcberw\u00e4ltigt. Und mir ist pl\u00f6tzlich v\u00f6llig egal, dass ich nur im Zug sitze, statt zu radeln. V\u00f6llig. Ich kann mich mal.<\/p>\n<p>In Innsbruck nur kurzer Aufenthalt auf dem Hauptbahnhof, Bahnsteigwechsel, die S-Bahn kommt aus Hall und f\u00e4hrt bis zum Grenzbahnhof Brenner\/Brennero. Sie ist auf ihrem Weg nach Patsch, unter der Europabr\u00fccke hindurch, weiter nach Matrei, Steinach und Gries voll von Sch\u00fclerinnen auf dem Heimweg in die D\u00f6rfer. Unterwegs bilde ich mir ein, kurz die Serles gesehen zu haben, bin aber nicht sicher. Sicher bin ich mir aber bei der Skiwiese oberhalb Steinach, auf der mich einmal in den fr\u00fchen achtziger Jahren zu meiner Ver\u00e4rgerung ein Holl\u00e4nder namens Fred, der eigentlich ein eher grobschl\u00e4chtiger und plumper Skifahrer war, auf dem letzten Meter abgeh\u00e4ngt hat, nur weil er 110 Kilo wog. Zu der Zeit dieser Schande meines Lebens ma\u00df ich noch zarte 70.<\/p>\n<p>Ankunft Brenner, die Atmosph\u00e4re da oben wie schon immer die letzten 50 Jahre: alles schmuddelig, gesch\u00e4ftig, unterk\u00fchlt. Fr\u00fcher war das eine Staats-, Sprach-, Zoll- und W\u00e4hrungsgrenze, davon zeugen all die Geb\u00e4ude und Reste von Kontrollstellen, Blechverschl\u00e4ge, Leitplanken. Was es heute offiziell ist, wei\u00df ich nicht wirklich, doch mich \u00fcberkommt eine Ahnung. Trotz niedriger Temperaturen halten sich in allen m\u00f6glichen Ecken und Unterf\u00fchrungen auff\u00e4llig viele unauff\u00e4llige Afrikaner auf und laufen Gruppen italienischer Polizisten umso auff\u00e4lliger herum. Noch ist das eine Grenze, zumindest f\u00fcr manche.<\/p>\n<p><strong>Brenner bis M\u00fchlbach im Pustertal<\/strong><\/p>\n<p>Wieder auf dem Rad, zun\u00e4chst mit warmer Jacke und \u00dcberhandschuhen. Strammer Wind, zumeist von hinten, die Grashalme biegen sich flatternd. Die Sonne wird immer kr\u00e4ftiger, wir sind in Italien. Oder doch genauer S\u00dcDTIROL. Man riecht und f\u00fchlt es zunehmend. Eine alte Eisenbahntrasse f\u00fchrt mich nach Sterzing. Gelegentlich geht es doch auf die Staatsstra\u00dfe, die aber an diesem Tag nur sehr schwach befahren ist und den Vorteil hat, dass sie grunds\u00e4tzlich immer bergab geht und auch oft einen abgemalten ein Meter breiten Seitenstreifen. Nach Sterzing verzichte ich sp\u00e4ter ganz auf den Radweg, der Umwege in Seitent\u00e4ler macht und st\u00e4ndig giftig durch Einzelgeh\u00f6fte und kleine D\u00f6rfer am Hang auf und ab f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Kurz vor Sterzing bin ich aber schon so relaxt, dass ich mir angesichts einer Fahrahrradwerkstatt die Zeit nehme, endlich meinen defekten Flaschenhalter auszutauschen. In Sterzing selbst ist mir dann alles Mortadella, wie weit ich noch kommen will, dass ich nur auf der Durchreise bin. Ich schalte auf schwarzw\u00e4lder Kirschtorte und Cappuccino. Zum ersten Mal auf dieser Reise sitze ich in der Sonne, ohne Hummeln im Hintern und das Gef\u00fchl, dass ich gehetzt gleich weiter muss oder will. Gerne w\u00fcrde ich in Lire bezahlen. Die warme Kleidung ist f\u00fcr den Rest des Tages hinf\u00e4llig.<\/p>\n<p>Die weitere Fahrt nach M\u00fchlbach \u00fcber Franzensfeste ist nach dann doch \u00fcber 90 km im Sattel \u2013 trotz Bahn! \u2013 ein wenig m\u00fchsam, aber ich werde immer wieder von vertrauten Anblicken verzaubert und ermuntert: Plose, Gitschberg, dar\u00fcber Meransen am Hang, ein wenig Schlern, eine nicht zuordenbare Dolomitenspitze. Schlie\u00dflich die schon verlogen kitschige Einfahrt \u00fcber einen Waldweg von oberhalb ins voll in der Sonne liegende M\u00fchlbach. Auf dem Rathausplatz hei\u00dft das eine von zwei Hotels \u201eSeppi\u201c. Ein Blick, eine Frage, genau das ist es, das passt, auch der Wirt. Es sieht aus wie in jedem beliebigen S\u00fcdtiroler Dorfgasthaus, es gibt Forstbier, aber genau deswegen fahren manche Menschen ja jedes Jahr und immer wieder hierher. So wollte ich das, so soll es sein.<\/p>\n<p>Bei vorz\u00fcglichem Lagreiner, einem Salat und einer Portion Schlutzer mit ordentlich brauner Butter sitze ich noch lange vor dem Hotel auf dem Platz und lasse mich baumeln. Auf dem Zimmer kaue ich bei einem v\u00f6llig unbedeutenden U21-L\u00e4nderspiel noch die komplette 350-Gramm-Packung Tiroler Speck weg, die ich unterwegs in einem schicken Schinken-Outlet vorsorglich gekauft hatte. Die Fahrt zehrt, der K\u00f6rper verlangt Futter.<\/p>\n<p>Morgen sehe ich, wie sich der ausgewiesene Radweg das Pustertal aufw\u00e4rts bis Toblach\/Innichen gestaltet, wie weit in komme, wie weit ich mich qu\u00e4len mag, ob eventuell auch hier die regul\u00e4re Stra\u00dfe eine Alternative ist, ob ich eine weitere \u00dcbernachtung auf diesem Teilst\u00fcck mache oder noch einmal die Bahn beanspruchen muss. Nach dem Fr\u00fchst\u00fcck geht\u2019s los, wir werden sehen.<\/p>\n<p><strong>Zahlen<\/strong><\/p>\n<p>Tageskilometer: \u00a095 echte Kilometer mit dem Rad + 2 Stunden Bahn + ein kurzer Bahnsteigwechsel in Innsbruck<br \/>\nGesamtkilometer: 518,63 km<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mittwoch, 17. Juni 2015 Der Plan 50 km mit dem Rad von Lenggries nach Mittenwald, Bahn nach Innsbruck, S-Bahn auf den Brenner, Rad soweit die F\u00fc\u00dfe tragen in Richtung S\u00fcden Wie es war, was geschah \u201eDer gro\u00dfe Sprung\u201c, der Tag<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[6],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/252"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=252"}],"version-history":[{"count":19,"href":"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/252\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":744,"href":"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/252\/revisions\/744"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=252"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=252"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.wolfgang-barina.de\/drau\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=252"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}